Was machen wir heute? : Sich erhaben fühlen

Brigitte Grunert

Alte Berliner werden sich wohl nie an den Namen Konzerthaus gewöhnen. Man spricht lieber von Schinkels Schauspielhaus. Das hat sich eingeprägt, seit anno 1821 das Königliche Schauspielhaus eröffnet wurde. Vergessen ist höchstens die Umbenennung in Preußisches Staatstheater 1919. Als Konzerthaus wurde die kriegszerstörte Zierde des Gendarmenmarktes wieder aufgebaut, eröffnet 1984, Ost-Berlin brauchte einen Konzertsaal. Schinkel ist auferstanden aus Ruinen, gut so.

Doch immer, wenn die Rentnerin hingeht, sagt sie Schauspielhaus und denkt an ihren Großvater, der zu Kaisers Zeiten und in den Jahren der Weimarer Republik dort Beleuchter war, beamteter! Nach der Familiensaga war das Theater seine Welt, er versorgte seine Familie reichlich mit Karten, nein Billetts, und redete mit Vorliebe in Zitaten der Klassiker. So hörten auch wir Enkel viel über das Theaterleben von einst. Natürlich wurde nur die äußere Hülle des Hauses originalgetreu wiederhergestellt. Die Räume wurden dem neuen Zweck entsprechend anders gestaltet, aber inwendig hat man mit dem Schinkel-Stil nicht gespart. Alles war wie geblendet von so viel strahlender Pracht. Es sollte ja ein schöner Ort sein, in dessen Glanz sich die „Werktätigen“ sonnen durften, dem grauen Stadtbild entrückt, für den man sich fein machte, um erhabene klassische Musik zu hören. Neulich war die Rentnerin wieder im Konzerthaus. Und es kam ihr gar nicht mehr erhebend vor, eher biedermeierlich. Woran lag es nur? Ein bisschen viel Schinkel-Imitation, dachte sie auf ihrem weißen Schleiflackstuhl, beinahe beklemmend feierlich, typisch späte DDR. Nichts geht über die Weite der Philharmonie mit ihren Durchblicken (eröffnet 1963), dachte sie, fragte sich aber, ob das ketzerisch sei. Manchen alten Ost-Freunden geht eben nichts über das Schauspielhaus/Konzerthaus. Ein West-Freund meinte, er gehe gern hin, schon weil es seit der Einheit so selbstverständlich ist. Für junge Leute sind solche Betrachtungen kein Thema mehr, und auch das ist gut so. Brigitte Grunert

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