Was machen wir heute? : Sich freikaufen

Plümper

Immer stand der junge Mann vor Reichelt, immer – um acht morgens und acht Uhr abends. Und fast immer redete er mit sich selbst, hielt seine „Motz“, säuberlich in Folie eingepackt, den Passanten entgegen und trat auf seinen halbhohen Turnschuhen auf und ab. Die Bäckerin sah es nicht gerne, dass der Rentner ihm ein wenig Geld gab, sagten, der Bettler mache den alten Menschen Angst. Obwohl selbst alt, konnte der Rentner beide irgendwie verstehen, aber Angst hatte er nicht. Gespräche waren mühsam, denn es war äußerst schwierig, den Bettler zu verstehen: Pole sei er und habe eine Wohnung ganz in der Nähe. Soviel hatte der Rentner mitbekommen. An einem Regentag sagte er dem Rentner, „Arebeit ist schlecht“ und der Rentner dachte, dass Kästner schon gesagt habe, dass die Menschen nicht gut seien, wenn es regne. Dann aber war er vier oder fünf Wochen nicht auf seinem Platz gewesen, und als der Rentner ihn ansprach und fragte, ob er krank gewesen sei, strahlte er ihn an und sagte „Italia“, „Roma“. Aber dann kam heraus, dass man ihm in Rom Ausweis und Geld gestohlen hatte und er deshalb nach Polen musste, um einen neuen Pass zu bekommen.

Aber nun ist er weg, sicher schon ein viertel Jahr. Was wohl aus ihm geworden ist? Doch dann stand da eine Bettlerin: recht gut gekleidet, so eine Art Pelzimitation, irgendwie folkloristisch. Auch sie hatte eine Zeitschrift in der Hand. Der Rentner sah sie kurz an, und sie fixierte ihn lange, sehr lange mit ihren klaren blauen Augen, ohne sie niederzuschlagen oder zu blinzeln. Plötzlich war der Rentner ganz erschrocken, wusste nicht warum. Im Laden hatte er das Gefühl, die Bettlerin habe solche Augen wie seine Mutter.

Der Rentner stieg in sein Auto. Nach einer Minute kehrte er um, stellte den Wagen ab und gab der Bettlerin eine Münze, hatte irgendwie das Gefühl sich freizukaufen. Im Wagen überlegte er, ob er nun sentimental oder alterswunderlich geworden sei. Plümper

Schau einer Bettlerin nicht zu lange in die Augen.

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