Was machen wir heute? : Sich granatenmäßig ärgern

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Da muss man den Bundespräsidenten schon bösartig falsch verstehen“, schimpft Tochter Lara. Ihr Groll gilt der Bemerkung des neuen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, er sehe nicht, dass der Islam zu Deutschland gehöre. „Dass damit nicht die Zeit Ottos I. gemeint ist, war doch klar“, sagt die 20-Jährige. Aber immerhin sind es 50 Jahre, seit die ersten Türken als „Gastarbeiter“ kamen, was ein ziemlich großer Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte ist.

Studentin Lara ärgert sich besonders, weil viel mehr über bildungsferne Integrationsverweigerer gesprochen wird als über den gemeinsamen Alltag, den ihre Generation an den Unis erlebt und über jene, die hier ihre Lebensentwürfe verwirklichen wollen. An ihrem Institut an der Freien Universität arbeitet Lara am Aufbau einer deutsch-türkischen Universität in Istanbul mit, zu der 2010 der Bundespräsident Christian Wulff den Grundstein legte. Bei den Juristen der FU werden nun Lehrpläne für den dortigen Fachbereich entwickelt, der Aufbau der Bibliothek vorangetrieben und mit den Partnern Lehrpersonal qualifiziert. Eine Kollegin von Lara hat in der Türkei studiert und macht nun in Berlin ihre Doktorarbeit, die andere Mitarbeiterin studiert in Berlin und hat ihr Abitur an der deutschen Schule in der Türkei gemacht.

Woanders hört man, dass dies nicht gerade leicht gemacht wird. Wer in der Türkei aufwächst und hier studieren will, hat es schwer, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, wenn nicht die Familie schon hier ist. Deswegen gehen viele Studenten, die eigentlich nach Deutschland wollten, dann doch in andere Länder, wo sich bessere Chancen für eine Karriere bieten. Lara ärgert sich deswegen über die Aschermittwochs-Pöbeleien des bayerischen Ministerpräsidenten Horst „bis zur letzten Patrone“ Seehofer, der in der Verfassung verankern will, dass Migranten als Erstes die deutsche Sprache lernen müssen. „Damit wird doch nur Stimmung gemacht“, sagt Lara, „und allen gesagt, ihr seid hier nicht willkommen.“ Übrigens: Unterrichtssprache für die 5000 Studenten in Istanbul soll Deutsch sein. Gerd Nowakowski

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