Kultur : Was machen wir heute?: Spielzeugläden verwüsten

Dorothee Nolte

Das Kind hat eine Cousine, die demnächst ihren ersten Geburtstag feiern wird, ein erstaunliches Wesen mit flaumigem blonden Haar. Sie ist ein halbes Jahr jünger als unser Kleiner, aber sie entwickelt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit ihm hinterher und an ihm vorbei. Krabbeln konnte sie schon, da robbte unserer noch. Und kaum hat er jetzt torkeln gelernt, da marschiert Cousinchen schon flott und eifrig an der Hand ihrer Eltern durch die Wohnung. Überdies ist sie vielseitig interessiert und vertieft sich gern in Bücher. Sie liest im Bett und auf dem Hochstuhl, betrachtet versonnen rote Hunde und grüne Enten, zwischendurch blickt sie auf und lächelt schlau. Ihre Eltern sind sehr stolz auf sie. Kein Wunder!

Manchmal graust uns vor der Cousine. Wird sie ihren älteren Vetter nicht in Kürze weit hinter sich gelassen haben? Unser Kleiner fällt nämlich bisher vor allem durch schiere Körperkraft und eine alberne Grundeinstellung auf. Er stupst seine Spielkameraden herum und macht Faxen. Mit Büchern hat er nichts am Hut. Nur ein einziges guckt er sich freiwillig an, darin ist ein kleines blondes Mädchen abgebildet, das hält er vors Gesicht und küsst es. Ich tadele ihn deswegen und warne ihn, dass blonde Frauen gefährlich und überhaupt zu nichts nütze sind, von seiner Cousine natürlich abgesehen. Dann wendet er sich ohne Bedauern wieder seinen Schuhkartons, Marmeladendeckeln und Bauklötzen zu. Derweil sitzt Cousinchen über ihren Büchern. Wir vermuten, dass sie heimlich schon die Bezeichnungen für Hunde und Enten auf deutsch und russisch vor sich hinmurmelt. Die Cousine gilt nun als die Intellektuelle in der Familie, während unser Kind eher für eine Laufbahn als Boxer oder TV-Komiker prädestiniert scheint.

Langer Rede kurzer Sinn: Was schenkt man diesen Kindern zu Weihnachten? Ein traditioneller Spielzeugladen, so dachte ich, müsste doch auch für diese unterschiedlichen Temperamente etwas bieten. Nun ist es allerdings eine massive Dummheit, zusammen mit dem Nachwuchs in einen Spielzeugladen zu gehen, die ja meist äußerst verwinkelt, zugestellt und vollgehangen sind. Ein anderthalbjähriges Kind benimmt sich dort etwa so gesittet wie der sprichwörtliche Elefant bei KPM. Es räumt jeden Kaufmannsladen aus, reißt jeden Plüschpinguin herunter und rammt jeden Baby-Buggy ins Duplo-Regal. Murmeln und Miniatur-Engelchen wirft es fröhlich durch die Gegend, und an Hampelmännern reißt es so brutal, bis ihnen die Hampelärmchen abfallen. Während ich noch aufräumte, spazierte das Kind mit einer teuren Puppe im Arm ungeniert aus dem Laden und wurde draußen sofort verhaftet. Es sitzt jetzt noch drei Tage im Gefängnis, in denen ich in Ruhe einkaufen gehen kann.

Ich bin aufgrund dieses Erlebnisses aber davon abgekommen, herkömmliches Spielzeug schenken zu wollen. Das Kind bekommt einen Punching-Ball, die Cousine Hölderlin-Gedichte, und damit hat sich die Sache. Weihnachten kann kommen.

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