Was machen wir heute? : Spuren suchen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Jochen Schmidt

Die Stadt verwandelt sich, und man sieht das Verschwundene wie ein Gespenst und wird zum Archäologen, der nach Spuren einer untergegangenen Kultur sucht. In Görlitz fand ich an einer der wenigen noch unrenovierten Fassaden einen Kabelverteiler, auf dem „Deutsche Reichspost“ stand. Und in Berlin in der Schönhauser Allee wurde gerade ein Haus abgerissen, an der Fassade des Nachbarhauses tauchte ein Elektrokasten mit DDR-Firmenschild auf.

In einer Kultur, die bei den großen Themen von einem pathetischen Gedenkwahn besessen ist, den alltäglichen Details aber keinen Wert beimisst, spenden archäologische Funde im Stadtbild zunehmend Trost. Der künftige Ruinenwert unserer Shopping-Malls und Fabrikschachteln muss dabei leider jetzt schon bezweifelt werden.

Besonders schwer auszuradieren sind alte Verkehrswege, die Stadt ist voll von Bauvorleistungen für nie gebaute Straßen, Schienenresten alter Straßenbahnstrecken, ungenutzten Bahnsteigen, wie der gerade wegsanierten Nordkurve des Bahnhofs Ostkreuz. Die Gleise der Schleife, die die Straßenbahn früher von der Friedrichstraße in die Planckstraße machte, wo man über drei Kurven zum Kupfergraben zuckelte, ruhen noch im Asphalt. In Stuttgart soll die Bahn in den nächsten Jahren im Untergrund versteckt werden, weil sich eine moderne Stadt ihrer Gleise schämt.

Traurig sehe ich aus meinem Fenster auf die Ringbahn: Wann wird wohl dieses Verkehrsmittel aus dem 19. Jahrhundert gegen ein geschmeidigeres ausgetauscht? Auf der Internetseite „Berlins blinde Verkehrsbauten“ bekommt man unsichtbare Straßenbahnlinien gezeigt, deren Verlauf sich rekonstruieren lässt wie ein verlassenes Flussbett. Wer sich erklären lässt, wie man an der Größe bestimmter Straßenkreuzungen im Zentrum ablesen kann, dass hier einmal eine U-Bahnlinie nach Weißensee geplant war, erblickt eine Stadt voller faszinierender Zeichen, die mehr sagen als tausend Gedenktafeln.

Spuren un-, um- und weggebauter Stücke dieser Stadt im Internet: www.bliverbau.de

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