Was machen wir heute? : Spuren suchen

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Verena Friederike HaselD

Kriminalistik hat mich seit jeher fasziniert, schon als Kind hatte ich eine gut gehende Detektei. Unsere Geheimsprache war so ausgeklügelt, dass wir sie manchmal selbst vergaßen. Dennoch lösten wir viele Fälle, zum Beispiel konnten wir die Frage, wer die meisten Süßigkeiten gegessen hatte, meist zweifelsfrei klären. Eines Tages kam unser großer Einsatz. Das Fahrrad des Vaters einer Kollegin war vom Hinterhof gestohlen worden, wir hätten den Täter sogar auf frischer Tat ertappen können, hätten wir nicht gerade oben in der Wohnung nach selbst gelegten Spuren gesucht.

Verärgert gingen wir hinunter, die Lupe fest in der Hand, glücklicherweise war der Boden sandig, insofern gab es noch eine Menge Spuren, nur konnten wir uns nicht so recht für eine von ihnen entscheiden, zwischendurch auf dem Asphalt verloren sie sich dann auch. Dann überlegten wir, in welche Richtung wir als Diebe gern gegangen wären und landeten auf dem Spielplatz. Auch dort wieder viele verdächtige Reifenspuren, die aber meist nur zu einem Kinderwagen führten.

Zu „Aktenzeichen XY … ungelöst“ hat es der Fall nie geschafft, obwohl wir es sehr versuchten. Irgendwann schlug ich eine andere berufliche Laufbahn ein, meine Schwäche für jegliche Art von Beweismitteln ist geblieben. Insofern steht morgen ein großes Ereignis an, die Versteigerung der Asservate. Für alle diejenigen, die nie kriminalistisch gearbeitet haben: Asservate sind von der Polizei sichergestellte Gegenstände. Meist sollen sie die Schuld, seltener auch die Unschuld eines Menschen beweisen, so im Fall eines Berliners, dem vorgeworfen wurde, einen anderen von hinten erstochen zu haben. In der Asservatenkammer lag das Hemd des Toten und zeigte deutlich, dass der Mann von vorne ermordet worden war.

Solche und ähnliche Geschichten kann man sich dann morgen bei der Versteigerung von Plasmafernsehern und Regentonnen ausdenken. Verena Friederike Hasel

Asservaten-Versteigerung am 29. April um 11 Uhr in der Schönstedtstraße 7 in Neukölln, Besichtigung eine Stunde vorher.

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