Was machen wir heute? : Stahlsaiten aufziehen

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Den Wunsch, Rockmusiker zu werden, entwickelte ich recht spät, mit Ende 19, und er währte nicht lang. Mit Anfang 20 war ich durch.

Ich war zu jener Zeit Soldat der Nationalen Volksarmee, und man könnte meinen, ich habe es mit dem Rockmusikerwunsch nicht ernst gemeint, womöglich habe es sich um nichts als einen Fluchtreflex gehandelt. Dergleichen mag auch eine Rolle gespielt haben, die NVA war bekanntlich kein gemütlicher Ort, und ihre Ungemütlichkeit hatte wenig mit Rock ’n’ Roll zu tun. Aber selbstverständlich habe ich es ernst gemeint. So ernst, dass ich die Wanderklampfe meiner Mutter mit in die Kaserne nahm und zur E-Gitarre umbaute: Stahlseiten rauf, drei Löcher gebohrt, Tonabnehmer und Kabelbuchse rein, fertig war das Brett.

Von Unteroffizier Schönfeld, der ein Meister am Lötkolben war, ließ ich mir einen Verzerrer bauen sowie einen Adapter, welcher den Anschluss ans Transistorradio ermöglichte. Der Gefreite Gutzsch lehrte mich drei bis vier Griffe. Die Posen brachte ich mir selbst bei, was nicht einfach war, weil die Kaserne nur in den Waschräumen Spiegel bereithielt.

Gemeinsam mit dem Gefreiten Gutzsch, der eine echte E-Gitarre besaß und ZZ Top nachspielen konnte, lief ich zu Major Leben, dem Politoffizier, um den Antrag auf Bandgründung zu stellen. Der Major fand die Idee prima, „Soldateninitiativen in Sachen Kultur“, unterstütze er gerne, sagte er und brachte auch Ideen zum Programm ein, „Sag mir, wo du stehst“ und ähnliche Kracher. Leider wurde der Gefreite Gutzsch drei Wochen später strafversetzt, ich habe nicht erfahren, warum, und damit war die Sache mit der Bandgründung schon vorbei. Immerhin kam es zu keiner weiteren Debatte über den Anteil sozialistischen Liedgutes auf unserer Playlist.

Ich tauschte die Gitarrensaiten aus, nahm den Tonabnehmer ab und konzentrierte mich wieder auf die Verteidigung des Vaterlandes. Das war im Jahr 1988, welches die DDR somit noch unbeschadet überlebte. David Ensikat

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