Was machen wir heute? : Stalins Ohr bewundern

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Tränen, Trümmer, Träume ist der treffende Titel einer kleinen Dauerausstellung über die einstige Stalinallee – sie macht den Besuch im Café Sibylle in der Karl-Marx-Allee zu einer spannenden Zeitreise und Entdeckertour. Tränen gab es so viel wie Trümmer in dieser 1945 zerschossenen und total zertrümmerten Allee – und Träume auch: „Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut“, sang Ernst Busch, und das Wunder geschah: Bis Ende 1949 schufteten die Trümmerfrauen in über zwei Millionen Arbeitsstunden, man sieht das Foto einer „Steinstapelstelle“, wo in einem Monat, im April 1952, genau 4 376 130 Ziegelsteine gestapelt waren. Und der Schutt liegt seither als Mont Klamott im Friedrichshain.

Die Träume von einer besseren Welt gingen zumindest für jene in Erfüllung, die in einen der 2767 mit allem Komfort und zurück ausgestatteten „Arbeiterpaläste“ ziehen durften. Die seltsam uniforme Architektur, als „Zuckerbäckerstil“ verspottet, erscheint uns heute angesichts glatter, lebloser Stahl-Glas-Fassaden schon wieder interessant, der frühere Bundespräsident Heinemann sagte einst: „Zu allen Zeiten war die Architektur ein Spiegelbild der Gesellschaftsordnung.“ Deshalb fügen sie der Stalinallee-Schau demnächst einen Vergleich mit dem Hansaviertel hinzu.

Spannend ist die Geschichte mit dem Stalin-Denkmal, das Ulbricht am 13. November 1961, nachts, abreißen ließ. Nach vier Stößen einer Planierraupe fiel der Koloss. Die Stasi befahl: „Das Denkmal ist bis zur Unkenntlichkeit zu zerkleinern. Über die Angelegenheit wird nicht geredet. Die Mitnahme von Bruchstücken ist verboten.“ Ha, da kannten sie aber unsere Werktätigen nicht: „Schnell und sicher sind ein Ohr und ein Stück vom Bart abgetrennt und verschwinden in der Tasche des Blaumanns“, erinnert sich einer. Beim Barte des Proleten: Jetzt liegen die Trophäen in einer Vitrine, und Stalins Ohr ist sogar käuflich zu erwerben. Zehn Euro für ein Stück Stalin. Aus Gips. Lothar Heinke

Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72.

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