Was machen wir heute? : Tarkowski schauen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann - in einen Takowski-Film gehen.

Jochen Schmidt

In der späten DDR ging man ständig in Tarkowski-Filme, und da es nicht viele gab, ging man immer wieder in dieselben. Es gehörte zum Erwachsenwerden, ein Dutzend Mal „Stalker“ zu sehen, auch wenn niemand verstand, was der Beruf des Stalkers war, und wie der Film zu verstehen war. In einem Land, in dessen Schulen eine „wissenschaftliche Weltanschauung“ gelehrt wurde, war das eine erholsame Erfahrung. Inzwischen hat der Begriff „Stalker“ eine ganz andere Bedeutung bekommen, und man guckt aus Bequemlichkeit lieber romantische Liebeskomödien. Neulich überlegten wir, ob es überhaupt noch gute Filme gibt, also nicht einfach Filme, die man sympathisch findet und wieder vergisst, sondern Filme, die einen überfordern und bereichern. Uns fiel niemand ein, der heute Filme wie Tarkowski drehen würde. Z. B. „Andrej Rubljow“, unter anderem eine Parabel auf die Zwänge der Künstlerexistenz. Die Glocke, die die Künstler gießt, und für deren Gelingen er mit seinem Leben einsteht, dient am Ende dazu, mit ihrem überirdischen Klang die Macht des Herrschers zu festigen. Mit „Solaris“ hat Tarkowski ein Stanislaw-Lem-Buch verfilmt. Auch Lem war in der späten DDR sehr beliebt. Die DDR war überhaupt ein dankbares Verbreitungsgebiet für Science-Fiction: Wenigstens in die Zukunft wollte man reisen dürfen. In „Solaris“ werden die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit mit wissenschaftlicher Intelligenz beschrieben. Dahinter warten das Weltall und die Liebe. Diese Art von Science Fiction gibt es im Kino nicht mehr, weil das Genre heute familientauglich sein muss. Da muss immer ein alberner Roboter Sprüche klopfen, damit es nicht zu grauslich wird. Wir schauen nicht mehr in den Sternenhimmel und fürchten uns. Wen würde heute eine Mondlandung noch beeindrucken? Dass im Kosmos das Andere wohnt, und wir nicht wissen, was es ist, wird in „Solaris“ gezeigt. Und dass es manchmal unsere Gestalt hat.

„Solaris“ (OF, englische Untertitel) am 7. August, 20 Uhr im Kino Arsenal.

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