Was machen wir heute? : Taschentücher kaufen

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Andreas Austilat

Mädchen sind anders. An mir liegt es nicht, ich habe alles versucht, hab mit der Kleinen sogar mit Autos gespielt. Dass das alles nichts nutzt, wurde mir spätestens klar, als meine Tochter mal im Urlaub eine tote Maus fand.

Es handelte sich um eine anonyme Wiesenmaus. Angenommen ihr Bruder hätte die zuerst entdeckt, vielleicht hätte er gesagt, „guck mal ’ne tote Maus“.Vielleicht hätte er sie sogar verscharrt, mein Sohn ist ja nicht herzlos. Wahrscheinlich hätte er aber der Natur ihren Lauf gelassen. Warum auch nicht? Wie gesagt, wir kannten die Maus nicht.

Was aber hat meine Tochter getan? Sie hat die Maus „Mimpsi“ getauft, sie bestattet, ihr sogar noch ein Gedicht gewidmet, und sie so dem Vergessen entrissen. Mehr Nächstenliebe geht nicht. Von wem hat sie das, habe ich mich ein wenig verschämt gefragt? Muss wohl daran liegen, dass sie ein Mädchen ist.

Ich wusste also Bescheid, und trotzdem hat mich ein wenig überrascht, was sich am vergangenen Wochenende bei uns zugetragen hat. „Wir machen einen DVD-Abend“, hat meine Tochter mit ihrer für eine 13-Jährige immer noch zarten Stimme gesagt, „wir gucken Titanic“. Den gab es zwar auch im Fernsehen, aber zu spät. Titanic hat sie schon mindestens fünfmal gesehen. Egal, sie mag es, wenn Leonardo DiCaprio untergeht. Drei Freundinnen hat sie eingeladen, und ich habe den Fernseher in ihrem Zimmer aufgebaut, damit sie ihre Ruhe haben.

Der Junge hätte sich in einem vergleichbaren Fall wahrscheinlich mit Chips eingedeckt. Was aber hat die Kleine besorgt? Fünf Pakete Taschentücher. „Für alle Fälle“, hat sie gesagt und dabei gelächelt. Die Kleine, sie ist so gefühlig. Was soll nur werden? Das Leben ist kein Ponyhof, weiß man doch.

Am Dienstag habe ich dann Angela Merkel im Fernsehen gesehen, sie war im Weißen Haus, im Kongress, im Senat. Wurde sie nicht einst „Kohls Mädchen“ genannt? Hat sie nicht während der WM auf der Tribüne immer die Fäustchen geballt beim Jubeln, so wie es Mädchen tun? Und? Ist sie etwa nicht erfolgreich?

Ach, meine Tochter, die macht das schon.

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