Was machen wir heute? : Theater spielen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Nicola Kuhn

Wochen vorher begannen die Proben, kaum ein Tag, an dem nicht von Jans Auftritt die Rede war. Schon begannen wir alle dem Ereignis entgegenzufiebern. Auf dem Programm stand der Klassiker „Peter und der Wolf“. Eigentlich ein Stück für kleine Besetzung, aber schließlich mussten 24 Kinder aus Jans Klasse eine Rolle bekommen, und so wurde die Inszenierung kurzerhand dupliziert: Eine Trennwand kam auf die Bühne, links und rechts spielte das Drama vom bösen, bösen Wolf parallel. Dumm für uns, dass Jan auf der anderen Seite des Paravents als Peter agierte und wir nur die Hälfte von seinem großen Moment mitbekamen. Wir begannen zu ahnen, was uns entgangen war, als uns andere Eltern hinterher zu Jans schauspielerischer Leistung gratulierten: „Eindrucksvoll, wie er in seiner Rolle aufgegangen ist.“

Als Jan zuhause eine Privatvorstellung anbot, waren wir natürlich begeistert, nur hatte sein Ensemble nun das umgekehrte Problem: diesmal zu wenig Darsteller. Wir lösten es mit Doppelbesetzungen. Zwillingsschwester Josefine kombinierte Vogel und Katze, der Papa spielte Großvater und Wolf parallel, und ich vereinte Ente und Jäger. Dazu wurde Prokofjews Musik dröhnend aufgedreht. Aber Jans finaler Satz, übrigens der einzige gesprochene in dem Stück, nahm es locker mit den Lautsprechern auf. „Halt“, donnerte er der Jäger-Ente entgegen, dass die Ohrenklappen seiner eigens aufgesetzten Fellmütze nur so tanzten. „Halt! Der Vogel und ich haben den Wolf gefangen genommen. Ihr dürft ihn nicht erschießen.“

Das war ganz großes Theater zwischen Bücherregal und Sofa. Seitdem sind wir ebenfalls von Jans Schauspieltalent überzeugt. Wenig später gab er als weitere Kostprobe im Krippenspiel den römischen Herold ab. Auch dessen Satz wurde zuhause eindrucksvoll nochmals vorgetragen. Und auch Josefine gab wieder alles, diesmal in der Rolle des Engels. Wir Eltern brauchten glücklicherweise nur Publikum zu sein. Nicola Kuhn

Loriot hat „Peter und der Wolf“ für die Deutsche Grammophon wunderbar aufgenommen.

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