Was machen wir heute? : Tiere betrachten

Anselm Neft

Die Hirschkühe waren groß und seltsam. Langgezogen, elegant, mit leicht wahnsinnigen Augen. Vielleicht hat der Zoo sie irre gemacht, vielleicht schauen sie immer so. Die Reptilien wirkten wie üblich etwas schlapp. Eine Fransenschildkröte sah albern aus: auf dickem Hals ein viel zu kleines, grinsendes Gesicht. Albern auch die Axolotl. Sie kommen als Larve zur Welt und bleiben Larve. Sie werden nie erwachsen, aber dennoch geschlechtsreif. Sie kommen aber nicht aus Prenzlauer Berg, sondern aus Südamerika. Wie entsteht so etwas? Ist das intelligentes Design? Ob Tiere sich gegenseitig hübsch oder hässlich finden? Ob ein Pfau an seinem Rad zweifelt? Ob sich ein Schwein im Stillen fragt, ob sein Hintern zu dick ist?

Am Gitter des Affenhauses die üblichen, von Missverständnissen geprägten Szenen zwischen Menschen- und Affenkindern, die jeweils von ihren Eltern beschützt und gemaßregelt werden. Eine brutale Menschenmutter warf ihr Kind zu Boden, eine Affenmutter sah melancholisch durch die Stäbe.

Tränen auch bei den Krokodilen. Einem Mädchen fiel ein Ring zwischen die Dielen. Ich fischte mit einem Stift nach dem Schatz. „Das haben wir gleich“, sagte ich und vertändelte den Ring derart, dass er in Richtung zweier Nil-Krokodile kullerte. Ich verabschiedete mich rasch. Dem Mädchen war ja nicht mehr zu helfen. Zeit seines Lebens wird es nun Verlust mit Krokodilen verbinden, Schmuck mit Gefahr, Ringe mit ungeschickten Onkeln. Der Zoo ist eine Lebensschule.

Ach, dass es Tiere gibt. Jede Art versucht auf ihre Weise, auf der Erde zurecht zu kommen. Landschildkröten schleppen sich übers Gras, sind dafür aber hervorragend gepanzert. Elefanten fächeln einander mit den Ohren Luft zu. In trüben Wassern lächeln wulstige Seekühe einander an. Giraffen sind groß, und ich wurde im Tierpark wieder klein und die Erde wieder wunderlich. Gruselig und lustig. Ein bisschen hatte ich das vergessen. Anselm Neft

Der Tierpark in Friedrichsfelde, täglich 9 bis 17 Uhr. www.tierpark-berlin.de

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