Kultur : Was machen wir heute?: Tornister füllen

Sigrid Kneist

Zurzeit renne ich mit einer Liste durch die Stadt. Die hat Frau Meier geschrieben, Charlottes Klassenlehrerin. Das Kind kommt nämlich in die Schule. Mit dem Blatt Papier in der Hand durchforste ich Schreibwarengeschäfte und Kaufhäuser nach Din-A-5-Heften mit 8-f-Lineatur, HB-Bleistiften, Jaxon-Pastell-Ölkreiden, einer transparenten Postmappe (dünn), Ziffernkarten und Rechenstäbchen. Genau 46 Posten hat Frau Meier notiert, und die müssen rangeschafft werden. Was nicht ganz einfach ist. Versuchen Sie mal, einen roten Fibelumschlag (19,5 mal 27,5 Zentimeter) zu finden oder ein dickes Hausaufgabenheft, bei dem man die Ränder abreißen kann.

Eigentlich sollten mir die Einkäufe Spaß machen; der Schulanfang eines Kindes ist doch etwas Besonderes. Wenn es nicht dieses gewichtige Problem gäbe. Sobald ich eine Neuerwerbung in meine schwerer werdende Tasche stecke, höre ich eine leise Stimme. "Jetzt hast du ein schlechtes Gewissen", flüstert sie eindringlich, so wie früher in der Lenor-Reklame im Fernsehen. Und ich weiß genau, die Stimme meint mich.

Es geht schließlich um die Gesundheit meiner Tochter. All die Dinge werden in den nächsten Wochen den Ranzen des Kindes füllen, der dann wie Blei auf den schmalen Schultern lasten wird. Seit ich mich mit dem Thema Tornister befasse, höre ich überall nur eine Empfehlung: Das Gesamtgewicht darf auf keinen Fall mehr als zehn Prozent des kindlichen Körpergewichts betragen. Krankenkasse, Elternbriefe, Kinderarzt - alle beschwören sie diese Größenordnung. Erst neulich guckte mir im Fernsehen in einer der vielen Ratgebersendungen ein Rektor direkt in die Augen und sagte, wir Eltern sollten auf jeden Fall dafür Sorge tragen, dass unser Kind nicht zu viel schleppt, angesichts seiner zarten Knochen. Den unausgesprochenen Vorwurf in seinen Augen - Eltern, was ihr euren Kindern aufbürdet! - hätten Sie sehen sollen. Als ob wir daran schuld sind. Herr Rektor, möchte ich ihn fragen, verteilt denn bei Ihnen keine Frau Meier Listen mit unzähligen Gegenständen, die ein Kind dringend für den Schulbesuch braucht?

Dann soll er mir bitte auch gleich erklären, wie ich den Ranzen meiner zierlichen Tochter füllen soll. Gemessen an ihrem Gewicht dürfte er knapp 1,8 Kilogramm auf die Waage bringen. Mit 990 Gramm haben wir vorbildlich eines der leichtesten Exemplare erstanden. Das Pausenbrot wiegt 100 Gramm, die Trinkflasche 250 Gramm und der Apfel - Vitamine sind wichtig - noch einmal 150 Gramm. Richtige Ernährung muss sein, darauf weisen alle Ärzte hin. Da mache ich keine Abstriche. Für Federtasche, Hefte, Bücher und andere Materialien bleiben also genau noch 310 Gramm. Das scheint mir irgendwie zu wenig zu sein.

Keine Ahnung, wie ich dieses Problem lösen kann, damit bin ich als Mutter überfordert. Da muss ein erfahrener Pädagoge ran. Herr Rektor, übernehmen Sie!

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