Was machen wir heute? : Tote Promis besuchen

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

Lothar Heinke

Wenn die Sonne scheint, sprechen die Leute vom goldenen November. Sie sehen sich die triste Natur einfach schön, wenn sich die Sonnenstrahlen auf dem Herbstlaub kringeln und die Bäume glänzen. Aber meistens haben wir es mit dem grauen November zu tun, mit den Nebelschwaden, der Trübnis und Melancholie, die so ansteckend ist wie ein Schnupfen. Ein guter Ort, der Schwermut nicht zu entfliehen, vielmehr mit ihr zu atmen und zu leben, ist der Friedhof – hier nicht irgendeiner der zahlreichen Gottesacker, sondern ein ganz besonderer: Südwestkirchhof Stahnsdorf. Alle Vergleiche mit den üblichen städtischen Friedhöfen sind schon deshalb unmöglich, weil es sich hier um ein nahezu unüberschaubares Totengelände handelt, 156 Hektar groß, vor 99 Jahren zum ersten Mal belegt. Zwischen Urwald und Wiese liegen oft nur ein paar Schritte, Alleen, Reihen oder Rondelle fügen sich in die Landschaft, berühmte Architekten und Bildhauer hinterließen prächtige Grabdenkmäler, verschwiegen und verborgen liegen manch Prominente neben Menschen, deren Namen nur den Angehörigen etwas sagen. Am Eingang gibt es ein Faltblatt, mit dem man auf Spurensuche gehen kann, und manchmal hat er auch Glück, jene 32 Promis zu finden, die zwischen den 110000 hier bestatteten Toten liegen: Von Elisabeth Baronin von Ardenne, deren Scheidungsgeschichte die Vorlage für Fontanes „Effi Briest“ war, bis zum Professor Heinrich Zille, dessen Porträt aus einem Findling herausgemeißelt ist. Rudolf Breitscheid, Lovis Corinth, Theodor Fontane jr., Joachim Gottschalk, Walter Gropius, Erik Jan Hanussen, Siegfried Jacobsohn, Friedrich Murnau, Ralph Arthur Roberts, Werner von Siemens – ach, geht doch selber hin und sucht und forscht und staunt, wie sich die Riten verändern: Heute kann sich der Lebende einen Baum aussuchen, unter dem er dereinst als Toter ruhen mag, ohne Denkmal, aber nicht namenlos. Lothar Heinke

Geöffnet 8 bis 17 Uhr, Bus 601 und 602 ab Hauptbahnhof Potsdam oder 623 ab S-Bhf. Zehlendorf und U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim.

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