Was machen wir heute? : Totenruhe genießen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann.

Anselm Neft

Ich werde es im Freundeskreis nicht müde zu betonen: Einer der größten Unterschiede zwischen Berlin und meinem Heimatdorf ist das Hupen. Ertönt in Wachtberg-Pech alle paar Tage einmal eine Autohupe, so wissen die Bürgerinnen und Bürger: Gefahr ist im Verzug. Sei es wegen akuter Unfallgefahr, sei es, weil Jugendliche außer Rand und Band eines Fahrzeugs habhaft geworden sind, sei es, weil unerwartet Touristen aus Gegenden mit ausgeprägter Hupmentalität einfallen. Sonst wird in Pech nicht gehupt.

In Berlin drücken Autofahrer ihre Hupen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Zum Beispiel als Gruß- oder Abschiedssignal. Das hat noch etwas Sympathisches, ein mediterranes Flair in der Preußenstadt. Man nennt Berlin ja auch Spree-Athen, allerdings eher aufgrund seiner Verschuldung. Viele hupen auch einfach mal so, um zu hören, ob dieser wichtige Bestandteil ihres Autos noch funktioniert. Vielleicht lehrt man das hier in den Fahrschulen: Überzeugen Sie sich vor Start Ihres Wagens von der Funktionstüchtigkeit seiner Hupe.

Meist aber wird gehupt, weil ein Hindernis weggelärmt werden soll: Jemand fährt nicht schneller als Richtgeschwindigkeit – hinter ihm wird gehupt. Jemand bleibt stehen, weil er eine alte Frau über die Straße humpeln lässt – hinter ihm hupt’s. Jemand hält an einer roten Ampel – Hupen. Liegt in meinem Heimatdorf ein Baum auf der Straße, so steigen die Fahrer aus ihren Wagen, entfernen das Gehölz, halten einen Schwatz und rauchen eine Zigarette. In Berlin wird gehupt, so wie ein Baby brüllt: „Ich mach so lange Lärm, bis sich etwas zum Positiven ändert.“ Nun kann es zwar sein, dass Bäume hören, aber auch wenn sie es wollten – sie können nicht zur Seite rollen.

Ruhe finde ich in Berlin nur auf einigen Friedhöfen. Auf welchen ich am liebsten gehe, verrate ich nicht. Sonst wimmelt es dort bald von Berlinern, die mich anhupen, weil ich zu langsam zwischen den Gräbern wandle, in denen wir trotz aller Hast sowieso bald liegen.

www.friedhoefe-berlin.de

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