Kultur : Was machen wir heute?: Träume erfüllen

Matthias Kalle

Den ersten Beweis, dass Berlin eine großartige Stadt ist, eine, in die man irgendwann ziehen muss, in der man einmal leben will, bekam ich als Elfjähriger. Damals lebte ich noch in der ostwestfälischen Provinz, und wie jeder Elfjährige in der ostwestfälischen Provinz dachte ich, dass ich für immer bleiben würde - wo sollte ich auch hin? Dann, im Musikunterricht, brachte einer dieser progressiven Lehrer, die gerne mit den ihnen anvertrauten Minderjährigen "The Rock" von Simon and Garfunkel singen, eine Kassette von einem Musical mit. Es war Linie 1, gerade uraufgeführt am Berliner Grips-Theater, und das, sagte unser Musiklehrer, sollten wir uns doch mal anhören. Es ging um ein Mädchen aus der Provinz (so wie wir!), das sich in einen Typen aus Berlin verliebt, von zu Hause wegläuft und am Bahnhof Zoo ankommt, um ihn zu suchen. Weil er (wo sonst!) in Kreuzberg wohnt, fährt sie mit der Linie 1 Richtung Schlesisches Tor und erlebt während der Fahrt so allerhand. Am Ende findet das Mädchen, natürlich, die Liebe und bleibt, selbstverständlich, in Berlin.

Boah, dachten wir damals, das muss ja toll sein: Nach Berlin kommen, mit der Linie 1 durch die Gegend zuckeln und am Ende glücklich werden. Später hörten wir im Musikunterricht die Beatles und fanden die Penny Lane auch nicht schlecht - die meisten von uns zogen dann nach Bielefeld, Köln oder Münster. Aber als ich vor ein paar Monaten nach Berlin kam, erinnerte ich mich wieder an die Träume und Hoffnungen, die wir damals im Musikunterricht hatten. Ich zog nach Kreuzberg (wohin sonst!) und fahre seitdem jeden Tag mit der Linie 1 zur Arbeit - aber die Liebe oder das Glück fand ich bisher nicht auf meinen Fahrten.

Ich finde anderes: Am Görlitzer Bahnhof den Langzeitstudenten Horst, der immer bei anderen Leuten in der Tageszeitung mitliest und dann seine Kommentare zum Weltpolitischen abgibt. Am Kottbusser Tor den Penner, der sich in die Hose gemacht hat und dem das nichts auszumachen scheint. An der Prinzenstraße die Mädchen, die die Schule schwänzen, von süßen Jungs und fetten Partys schwärmen, SMS schreiben und bis zum Wittenbergplatz fahren, um am Kudamm einzukaufen. Am Halleschen Tor den Kleindealer, der immer zwinkert. An der Möckernbrücke den Obdachlosen Zottel, dessen Geschichte vor ein paar Wochen als Film "Engel & Joe" in die Kinos kam und der die Zeitung Motz verkauft. Am Gleisdreieck das ältere Ehepaar, das sich nie, aber auch niemals, unterhält. Ich finde Schöne, Hässliche, Laute, Leise, Fröhliche, Traurige, Alte, Junge, Dicke, Dünne, Verrückte und Schüchterne. Und die? Was finden die, die jeden Tag, genau wie ich, mit der Linie 1 fahren? Vielleicht finden sie einen Jungen aus der ostwestfälischen Provinz, der sich immer noch wundert, dass er plötzlich hier ist, hier in Berlin, in der U-Bahn, in der einmal seine Träume und Hoffnungen mitfuhren.

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