Was machen wir heute? : Trauern und schwitzen

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Als ich in Finnland war, fiel mir auf: Die Männer haben viele Handys, mindestens eins davon tragen sie in einer Ledertasche am Gürtel, und sie sehen sehr blass und traurig aus. Die Frauen, so schien es mir, waren größer als die Männer und lange nicht so blass, auch trugen sie ihre Handys nicht am Gürtel, sondern hielten sie ans Ohr. Eine Finnin anzusprechen, so dachte ich, ist ganz unmöglich, da sie ständig telefoniert. Anrufen kann man auch nicht, weil immer besetzt ist. Das, so dachte ich, könnte ein Grund sein, dass die finnischen Männer so traurig sind.

Jetzt weiß ich: Es gibt viel mehr Gründe, Missbrauch, Sorgerechtsentzug, Tod, derlei Dinge. Von ihnen erzählen finnische Männer offenbar sehr gern und freizügig, in der Sauna jedenfalls.

Wer keine Gelegenheit hat, Finnen leibhaftig in der Sauna zu begegnen, um von ihnen zu erfahren, warum sie traurig sind, dem sei der Dokumentarfilm „Steam of Life“ empfohlen. Darin erzählen nackte Finnen schlimme Geschichten, die anderen nackten Finnen hören zu und klopfen den Erzählern hin und wieder sanft auf die Schulter.

Die Sache ist nicht nur ausgesprochen rührend, sondern auch von großem Schauwert – weniger weil die Finnen gut aussähen, vielmehr, weil die Landschaft, in welcher sie ihre Saunen aufstellen, sehr schön ist. Auch die finnische Sauna-Architektur beeindruckt. Sie ist geprägt von einem großen Pragmatismus: Wohnwagen werden umgebaut, ebenso Telefonzellen und Mähdrescher, Hauptsache man kann es drinnen schön warm machen.

Leider hat der Film keinen Oscar gewonnen, immerhin wurde er im vorigen Jahr dafür vorgeschlagen. Es wäre interessant gewesen, zu sehen, ob sich die finnischen Filmmacher über die Auszeichnung freuen können. Sind ja alles Männer. David Ensikat

Von „Steam of Life“ gibt es eine finnische DVD (mit englischen Untertiteln). In die Kinos schafft es so ein Film ja kaum. Ein Grund mehr, in der Sauna den Zustand der Welt zu bedauern. Etwa hier: Mareks Saunahaus, Bernauer Str. 75. Tel. 46 77  71 37.

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