Was machen wir heute? : Trennungsschmerz erleiden

Stephan Wiehler

Beim Landeanflug auf Sardinien hielt es Emma kaum noch im Gurt. „Viva Italia! Viva la pasta al forno!“, rief sie. Es lebe Italien! Es lebe die überbackene Pasta! Meine Schwägerin, die sie diese Woche zu ihrer italienischen Oma mitgenommen hat, erzählte es meiner Frau am selben Abend am Telefon. Viva Italia – na gut, was weiß das Kind schon von der Politik.

Emma wollte ihre Tante unbedingt begleiten. Wenn sich eine fünfjährige Tochter so einfach auf die große Reise macht, aus eigenem Entschluss und ohne jeden Abschiedsschmerz, da zerreißt es einen Vater gefühlsmäßig schon ein bisschen – zwischen Stolz und Trauer. Der Stolz überwiegt natürlich.

Gibt es hier jemanden, der ihr nicht hinterherfliegen wollte, dem Frühling entgegen? Emma kratzte das launische Wetter seit Wochen im Hals, dauernd lief ihr die Nase.

Die Sonne und das Mittelmeer heilen das schneller als jeder Arzt oder Apotheker.

Wahrscheinlich gibt es aber noch einen anderen Grund für Emmas gesteigerte Reiselust: ihre kleine Schwester Greta, die geliebte Nervtöterin, die Zimmerverwüsterin und Sachenverbummlerin. Meine Frau und ich vermuten, dass Emma auch wegen ihrer kleinen Schwester urlaubsreif ist und bei ihrer sardischen Nonna ein Stück vom verlorenen Einzelkindparadies sucht, das Idyll, das Greta vor mehr als einem Jahr so jählings zerstörte.

Nur um die Nonna tut es mir etwas leid, denn ich weiß, was es bedeutet, wenn Emma als Alleinherrscherin regiert. Und während bei meiner Schwiegermutter, einer bekennenden Kommunistin, wieder der Absolutismus eingeführt wird, weiß unsere kleine Greta hier zu Hause gar nicht, wie ihr geschieht. Plötzlich darf sie mal Einzelkind sein und sich frei im Kinderzimmer entfalten, ohne dass ihr Emma die Tür vor der Nase zuschlägt.

„Ich vermisse euch so sehr“, sagt Emma uns am Abend am Telefon. Wir dich auch. Stephan Wiehler

Italienische Momente finden Sie auch in Berlin, zum Beispiel in der Pizzeria „Il Ritrovo“, Gabriel-Max-Straße 2 in Friedrichshain. Dort ist die Pasta al forno fast wie bei Nonna.

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