Kultur : Was machen wir heute?: Trocken klettern

Andreas Austilat

Hilfe! Unsere Kinder werden immer tollpatschiger!", schrieb die "BZ" diese Woche. Bei uns las sich das ein wenig anders, aber in der Sache kaum weniger dramatisch: In den Berliner Kitas häufen sich die Unfälle, weil die Kleinen so ungeschickt sind.

Der Nachwuchs klettert nämlich nicht mehr genug. Etwa auf Bäume, wie man das ehedem so gemacht hat. Nanu, werden Sie jetzt vielleicht denken, stehen doch reichlich Bäume rum an Berlins Straßen - ganz genau 411 517, hat das statistische Landesamt gezählt. Aber mal abgesehen von der Frage, ob so ein Straßenbaum klettertauglich ist, daran liegt es nicht, warnen die Experten. Die Kinder sind faul geworden, hängen rum, vor dem Fernseher oder mit dem Gameboy in der Hand. Ja, davon wird man tollpatschig. Steigen sie dann später doch mal aufs Fahrrad, dann fallen sie einfach runter, wie Rudolf Scharping zum Beispiel.

Wir sind gefordert. Der Nachwuchs muss klettern. Kämen natürlich zu allererst Berlins Spielplätze infrage. Ein Angebot, das unsere Tochter auch gern annimmt. Die Sache hat nur einen Haken, allein mag sie nicht. Was vollkommen in Ordnung ist für eine Fünfjährige. Immerhin gibt es die Aufsichtspflicht. Also gehen wir mit und sitzen irgendwann am Rand. Selbst wenn wir gutwillig mitklettern würden, sie hat schlicht den längeren Atem.

Was macht man dann? Man könnte zum Beispiel ein gutes Buch lesen - Gameboy verbietet sich ja von selbst. Kein Problem, solange sich der Sommer hält. Und später? Sitzen wir immer noch auf kalten Bänken, während um uns herum die Herbstnebel aufsteigen und es feucht aus dem kahlen Geäst tropft? Grauenhafte Vorstellung.

Da kommt uns Karin Arnold mit ihrem Angebot gerade recht. Die Ex-Erzieherin hat sich selbstständig gemacht. Mit einem Spielplatz. Keinem gewöhnlichen Spielplatz, der "Toka-Tohei" kostet Eintritt, sechs Mark pro Kind in der ersten Stunde, danach wird es billiger. Dafür ist es warm und trocken. Der Platz befindet sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Charlottenburg.

Also haben wir den Test gemacht, ich, meine Tochter und - um der Sache eine repräsentative Note zu geben - eine ihrer Freundinnen. Die beiden waren wirklich kritisch. "Kann man da auch buddeln", haben sie zum Beispiel gefragt. Nein, kann man nicht. Dafür ist das Klettergerüst monströs, fünf Meter hoch, mit Tunnelrutsche, zig Ebenen und Seilbahn. Für Vati gibt es einen Bartresen, ein paar Tische und eine kleine Speisekarte.

Seinen Kindergeburtstag kann man hier feiern. Oder ganz einfach nur frühstücken. Vielleicht nicht unbedingt in Ruhe - wenn es voll ist, wird es schnell ziemlich laut. Die Kleinen stört das offenbar überhaupt nicht. Die verschwinden einfach, irgendwo im Dickicht dieses riesigen Klettergerüsts. War ziemlich schwierig, sie da wieder rauszukriegen. "Können wir nicht hier wohnen", haben sie sogar allen Ernstes gefragt.

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