Kultur : Was machen wir heute?: Tüchtig schieben

Nicola Kuhn

Kinder sind ein Privileg. Mit ihnen lässt sich die Paradiespforte zu kindlichen Sichtweisen ein kleines Stückchen wieder öffnen. Deshalb kann ich es gar nicht erwarten, bis ich endlich wieder "Pippi Langstrumpf" lesen werde, die eigentlich Jan & Josefine geschenkt bekommen haben. Schon bin ich kurz davor, wie damals mit einem Fuß im Rinnstein, mit dem anderen auf der Bordsteinkante durch die Straßen zu laufen und lauthals das Pippi-Langstrumpf-Lied zu singen. Na gut, nur beinahe. Erstens sind in Berlin die parkenden Autos im Wege. Zweitens würde das mit einem Zwillingswagen wirklich schlecht funktionieren. Außerdem dauert es noch eine ganze Weile, bis sich Jan & Josefine für Pippi Langstrumpf interessieren.

Solange schieben wir noch artig über den Bürgersteig. Denn getreu dem leicht vergilbten Ratgeber "Unser Baby ist da", den schon meine Mutter in den Sechzigern konsultierte, gehen wir Drei jeden Tag tüchtig spazieren. Kein Wetter hält uns ab. Bei Regen wird umständlich die überdimensionale Plastikhaube übergestülpt. Schneit es, spielen wir Schneepflug, wenn sich mal wieder die Vorderräder verkeilen. Dieses Training beschert den Kindern frische Luft, der Mama beträchtliche Bizeps. Ein echtes workout, während sich Jan & Josefine still vergnügt durch Berlin kutschieren lassen. Selig betrachten sie die schwankenden Zweige und Laternenmaste und lassen die vorgeführten Sehenswürdigkeiten achtlos an sich vorüberziehen.

Naja, anderes wäre wohl auch zu viel verlangt. Dafür studiere ich als Chauffeurin des Doppelsitzers die Stadt umso genauer. Der Enthusiasmus der Neu-Berlinerin von vor zehn Jahren ist wieder aufgeflammt. Während wir noch Anfang der Neunziger mit zwei gewichtigen Führern - einer für den Westen und einer für den Osten - unbekannte Kieze durchstreiften, hat sich zum Glück auch in den Stadtführern die Vereinigung vollzogen. Neben der Karre hätte ich ohnehin keine Hand mehr frei.

Auf diesen Exkursionen haben wir Drei schon so manche Entdeckung gemacht: Den Bürgerpark von Pankow zum Beispiel, wo sich im 19. Jahrhundert ein Parvenü passend zu seinem gekauften Adelstitel ein ambitioniertes Anwesen anlegen ließ. Nur schade, dass von seinem Herrensitz fast nichts mehr steht. Die künstlichen Grotten, Pagoden und sogar die Mäuseburg sind dahin. Von der einstigen Pracht überlebten gerade noch Portal und Freiluftbühne, überwölbt von einer gigantischen Muschel.

Inzwischen können wir einen eigenen Führer für öffentliches Grün verfassen. Oder einen über jene absonderlichen Details, die erst mit Kinderkarre in den Blick geraten: all die bislang übersehenen Gedenktafeln an Häuserfronten und die liebevoll mit Kunstblumen oder Minikakteen dekorierten Fenster, an denen man bislang achtlos vorüberging. Schon ahne ich, was Berlin an Verborgenem bietet. Aber mal abwarten, bis Jan & Josefine die Führung übernehmen. Vielleicht ja mit einem Fuß im Rinnstein, dem anderen auf dem Bürgersteig.

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