Kultur : Was machen wir heute?: Türme bauen

Dorothee Nolte

Als die Türme des World Trade Centers zusammenbrachen, wieder und immer wieder den ganzen Abend lang, da saß das Kind auf dem Teppich und baute aus gelben und roten Klötzen Zwillingstürme, ganz hoch und schmal, und wenn sie einstürzten, quietschte es vor Freude. Überhaupt war das Kind blendender Laune an dem Tag, als sich die Welt veränderte. Während wir die brennenden Augen kaum vom Fernsehschirm wenden konnten und nur immer mal wieder hastig sagten, "das ist aber ein schöner Turm", "das hast Du ja toll gemacht" - in dem üblichen singenden Kinderton, der uns so grausam verstellt und falsch vorkam, als spräche aus uns der Wolf zu Rotkäppchen - , setzte es unermüdlich Klotz auf Klotz, lachte und gickste und klatschte in die Hände. Beruhigend? Beängstigend?

Einen Moment lang beneidete ich das Kind dafür, dass es in einer Welt lebt, in der zusammenstürzende Türme keine Menschen unter sich begraben und keine militärischen Konflikte auslösen. Nur einen Moment lang. Gleich darauf bedauerte ich es: Denn die Angriffe auf die Vereinigten Staaten werden sein Leben möglicherweise stärker und länger bestimmen als unseres. Wie viele brennende Gebäude, Staubwolken, zerfetzte Menschen wird mein Sohn in seinem Leben wohl noch sehen, auf dem Schirm oder real, wie viel Hass wird er erleben und womöglich erwidern? Nein, Kleiner: Wir haben dir keinen Rosengarten versprochen. Die Welt ist ein rauer Ort. Die Generation deiner Eltern hat Glück gehabt und ist unbeschwert aufgewachsen wie Schmetterlinge auf der Frühlingswiese. Und deine?

Seit Wochen schon baut das Kind Türme. Wie besessen ist es davon, die Holzklötze zur Zimmerdecke zu führen, auf einen wackligen Quader noch einen und noch einen zu setzen: Die Faszination des Menschen mit Türmen - dem Höchsten, dem Himmel, dem Phallussymbol - beginnt im Alter von zwei Jahren und endet nie.

Das Kind also baut und baut, und nur manchmal ärgert es sich, wenn eins seiner Gebilde einkracht. Dann verspürt es vielleicht Wut, aber nie das Bedauern, dass ein besonders schöner Turm auf ewig dahin ist, niemals die Melancholie, die wir empfinden, wenn wir auf die verstümmelte Skyline Manhattans blicken. Das Kind kennt auch noch keine Trauer, wenn ein Mensch aus seinem Umfeld für immer verschwindet, es weiß nicht um die Einzigartigkeit von Lebewesen und Bauwerken, hat

keinen Wunsch zu bewahren; seine Welt nimmt gerade erst Formen an, ihre Pflöcke werden erst eingerammt, und von dem, was in diesen Tagen

geschieht, wird der Kleine nichts im Gedächtnis

behalten. Bauen, umstürzen, nochmal hoch! Das World Trade Center soll wieder aufgebaut werden, lese ich. Selbstverständlich, würde das Kind sagen. Gibt es überhaupt eine andere Möglichkeit?

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