Was machen wir heute? : Über Buchhandlungen stolpern

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Susanne KippenbergerD

Neulich war ich in New York, „the city that never sleeps“. Am ersten Abend, um halb zehn, wollten wir in die Bar im Rockefeller Center. Entschlossen stellte sich uns der Liftboy den Weg: Es sei so wenig los, dass die Bar schon geschlossen hätte. Am nächsten Abend wollten wir, um die gleiche Zeit, in einer Brasserie gegenüber vom Rockefeller Center etwas essen. Die Küche habe schon zu, erklärte der maître d’, ließ uns aber – ganz ganz schnell! – noch etwas von der Bar-Karte bestellen. Am dritten Abend waren wir beim Chinesen eingeladen, wo schon Andy Warhol und Frank Sinatra eingekehrt sein sollen, zwei überzeugte Nichtfrühzubettgeher. Noch vor Mitternacht stellten sich die Kellner in einer Reihe auf und guckten uns vorwurfsvoll an. Jedes Glas, das nur eine Sekunde unbeobachtet blieb, schnappten sie sich.

Ich will jetzt nicht meckern, New York war großartig, ist großartig, wird immer großartig bleiben. Man muss nur bei strahlend blauem Winterhimmel durch die Straßen gehen, um überwältigt zu sein. Aber in Sachen Lebensqualität fällt die Bilanz immer pro Berlin aus. Wenn man sich so umguckt, entdeckt man zum Beispiel überraschend viele kleine Zuckerbäckereien, aber schockierend wenig Buchläden. Zufällig kommt man ganz selten an einem vorbei.

Ein paar Tage später war ich am Savignyplatz, da stolpert man geradewegs über sie: Marga Schoeller, Bücherbogen, Autorenbuchhandlung. Vor ein paar Wochen wurde die alte Westberliner Institution vom neuen Besitzer entrümpelt und frisch gestrichen, und man kommt sich nicht mehr vor wie ein Eindringling in einen privaten Club. Auf großen Holztischen liegen die schönsten Bücher aus, jedes einzelne möchte man in die Hand nehmen und streicheln, auch Bücher, die schon vor zwei Jahren erschienen sind und immer noch gut sind, liegen da, und Fundstücke wie Ingeborg Bachmanns herrlicher Text über Berlin als „Ein Ort für Zufälle“ in einer bibliophilen Ausgabe. Das ist es doch, was eine Stadt sein muss: ein Ort für Zufälle.Susanne Kippenberger

Autorenbuchhandlung, Carmerstraße 10.

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