Kultur : Was machen wir heute?: Über die deutsche Mutter nachdenken

Dorothee Nolte

Den gestrigen Muttertag habe ich zum Anlass genommen, schonungslos über meine Rolle in der Gesellschaft nachzudenken. Zu diesem Zweck habe ich das praktische Mutterdasein für ein paar Stunden unterbrochen und mich mit einem Buch ans offene Fenster gesetzt, mit Barbara Vinkens gerade erschienenem Werk "Die deutsche Mutter - der lange Schatten eines Mythos". Bin nicht auch ich eine deutsche Mutter und werfe bei Sonnenuntergang lange Schatten? Eben.

Vinken hält nicht viel von mir, sie nennt mich ein "Stück deutscher Folklore", gar einen "deutschen Sonderweg". Durch mehrere Jahrhunderte verfolgt sie meine Geschichte und stellt fest: Im Mittelalter stand es schon mal besser um mich. Die heilige Dorothea zum Beispiel, nach der mich meine Eltern sicher nicht ohne Grund benannt haben, war eine katastrophal schlechte Hausfrau. Statt sich um ihre neunköpfige Brut zu kümmern, saß sie entrückt am offenen Fenster und hielt Zwiesprache mit dem Herrgott, während ihr Ehemann frustriert um sie herumschlich und hin und wieder mit der Keule draufschlug. Warum kümmert er sich nicht selbst um die Kleinen?, wird sich die Heilige dann gewundert haben. Das Interessante an der heiligen Dorothea ist jedenfalls, dass das katholische Mittelalter ihr die Vernachlässigung der Mutterpflichten gar nicht übelnahm, sie im Gegenteil für ihre Gottesfurcht lobte. Erst die Reformation erklärte die Mutterschaft zum Lebensinhalt aller Frauen.

Luther ist, um Vinkens Argumentation leicht verkürzt wiederzugeben, schuld daran, dass es heute in Deutschland kaum Ganztags-Betreuungsplätze für Kleinkinder gibt, dass deutsche Mütter - anders als ihre französischen Kolleginnen - jahrelang pausieren, Teilzeit arbeiten und ihre Karriere vernachlässigen. Statt Krippen, Kitas, Ganztagsschulen bereit zu stellen, fördere die deutsche Familienpolitik bis zum heutigen Tage das Modell, dass Mutter - oder neuerdings auch der Vater - zu Hause bleiben, klagt Vinken in ihrem spannend zu lesenden Buch. Und viele Frauen spielen mit, weil sie glauben, ein Kind brauche gerade in seinen ersten Jahren die leibliche Mutter rund um die Uhr.

An dieser Stelle atmete ich auf. Ich bin also gar keine deutsche Mutter! Unser Kleiner geht ja seit seinem siebten Lebensmonat zur Tagesmutter und erholt sich dort von mir. Erleichtert legte ich das Buch zur Seite, packte mir das Kerlchen und ging einkaufen. Auf dem Rückweg half mir eine nette Frau, den mit Tüten und Kind beladenen Buggy die Treppe hochzuhieven. Oben sprach sie einen bemerkenswerten Satz, vielleicht, weil sie in mir eine verhärmte, von der Kindererziehung gebeutelte deutsche Mutter zu erkennen glaubte, vielleicht, weil am nächsten Tag Muttertag war, sie sagte also, ungelogen: "Ich bewundere Sie ohne Ende." Zuerst war ich zu baff, um zu antworten. Dann bedankte ich mich für die Trägerdienste, riss den Heiligenschein, der mir plötzlich in den Haaren klebte, herunter und erklärte den Muttertag zum Tagesmuttertag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben