Was machen wir heute? : Über die Dinge siegen

Plümper

Der Rentner lacht sich einen Ast. Fünf junge Engländer sehen ihn beunruhigt von der Seite an – gleich wird er wohl tätlich werden. Auf den riesigen Fotos vor ihm gerät eine Wohnwelt ins Wanken: Ein alte Frau, klein, verhutzelt, große Brille, große Nase, Perücke, springt mit ihrem Sohn auf dem Sofa herum. Der Rentner sieht in den blitzenden Augen hinter der Brille den Spaß, die diebische, befreiende Freude, die ihr das Ganze macht. Auf einem anderen Bild hängen beide kopfüber auf dem Sofa; später liegt die Frau in grotesker Stellung auf dem Boden; schließlich ist das Sofa umgekippt. Beide sind glücklich, sie haben das Sofa, ja überhaupt das ganze Interieur besiegt, denkt der Rentner. „Ödipale Komplikationen“ heißt die Fotoserie von Anna und Bernhard Blume. Der Rentner lacht noch immer. Die jungen Engländer haben mit einem vorsichtigen Blick auf ihn – Kunst ist schließlich nichts zum Lachen – den Raum verlassen.

Bei „Küchenkoller“ freut sich der Rentner nur noch leise, die Engländer sind nämlich schon da. Bei Blumes fliegen Kartoffeln um den altmodischen in den fünfziger Jahren gebauten Küchenschrank herum; Tellerstapel wanken, gleich wird alles zerscheppern. Aber die Hausfrau in ihrem wild gemusterten Kleid entweicht in einer Himmelfahrt, die schräg durch ihre Küche führt. Wieder ein Sieg über die Dinge! Oder hat nun doch die Küche gesiegt?

Na, denkt der Rentner, der Schriftsteller Günter Eich beschreibt seine Hausgenossen ja ähnlich: In seiner Küche hockt der Haushalt, bleich, hager und verängstigt. Er sei auch ekelhaft, meint Eich, manchmal tue er ihm leid. Verwandt sei er zwar nicht mit ihm, aber nicht wegzubringen.

Aber die Blumes trösten. Der Rentner geht ermuntert, ja fast erhoben nach Hause – und räumt die Spülmaschine aus.Plümper

Hamburger Bahnhof Berlin Invalidenstraße 50/51 4. April – 10. August 2008, Anna & Bernhard Blume. Mo geschlossen, Di – Fr: 10 – 18 Uhr, Sa – So: 11 – 20 Uhr.

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