Kultur : Was machen wir heute?: Über eine Brücke gehen

Rainer Hank

Heute empfehle ich einen Lieblingsort. Das steht eigentlich nur dem erfahrenen Großstadt-Spaziergänger zu, ich weiß. Aber wozu haben sie in dieser Stadt Neu-Berliner, wenn nicht zum Durchbrechen alter Regeln? Also berichte ich über die Fußgängerbrücke, die unterhalb der S-Bahn die Spree vom Schiffbauerdamm zum Bahnhof Friedrichstraße überbrückt. Auf der westlichen Seite kann man sie hoch zu den Bahngleisen und abwärts an das Reichstagufer verlassen. Schon das ist wohl einzigartig. Aber das ist erst der Anfang.

Auch wer das Pathos zügelt, muss zugeben: So eine Brücke gibt es nur einmal. Nirgends sonst wird das Globale mit dem Lokalen eins und das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen. Im fast rechten Winkel bilden Wasser und Gleis architektonisch dafür das Koordinatensystem. Dass es aber eben nur fast ein rechter Winkel ist, macht es gerade so interessant und dynamisch; der Schwung der Brückenarchitektur kreuzt die leicht gebogene Wasserstraße. Über den Köpfen der Brückengänger fahren die Züge von Paris nach Moskau und die S-Bahnen vom Savigny- zum Alexanderplatz. Darunter ziehen all die vielen Spree-Schiffe vorbei auf ihrem Weg zur Museumsinsel oder durch das Regierungsviertel. Wenn nicht gerade ein Gewitter niederprasselt, dann ist ihr Oberdeck an diesen Tagen bis auf den letzten Platz mit Eis essenden Touristen besetzt.

Ein Verkehrsknotenpunkt war dieser Ort Berlins immer schon. Seit 1839 gab es dort eine Haltestelle für Pferdeomnibusse, später für Pferdestraßenbahnen, bis 1882 die Brücke gebaut wurde mit dem Bahnhof Friedrichstraße. Der Bahnhof ist die Mitte der Mitte Berlins, zugänglich von Ost und West. Das hatte selbst die Mauer nicht unterbrochen.

Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Schön ist diese Fußgängerbrücke nicht. Schwer drücken die Eisenbögen mit ihren überdimensionierten Nieten auf den Passanten. Links und rechts ein Drahtgittetr, womöglich gezogen, um den Selbstmörder von der Tat abzuhalten. Und der Gestank von Urin verlässt die Nase erst wieder weit hinter der Brücke. Das führt dazu, dass jedermann auf der Brücke seine Schritte beschleunigt: die Angestellten, die am Morgen in die Mitte strömen auf dem Weg ins Büro genauso wie die Theaterbesucher, die am Abend ins Deutsche Theater oder ins Berliner Ensemble wollen.

Aber, ich gestehe es abermals, ich mag diese Brücke, denn sie ist bewohnt. Wenn ich hier am Abend vorbeikomme, treffe ich lauter alte Bekante: Die kleine Frau mit dem Akkordeon spielt eine Musette und kümmert sich wenig darum, dass ihre Musik in diese preußisch-Brechtsche Ecke nicht richtig passen will. Der Tagesspiegel-Verkäufer grüßt freundlich, obwohl ich ihm nur selten eine Zeitung abkaufe. Und die drei Glatzköpfe mit Hunden und Bierdosen lassen zwar meine Schritte noch schneller werden. Doch wirklich gefährlich - ich weiß es mehr als dass ich es spüre - sind sie nicht. Schaut auf diese Brücke, würde ich sagen, früge mich einer nach meinem Berlin.

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