Kultur : Was machen wir heute?: Über Geld nachdenken

Katja Hübner

London. Notting Hill. Portobello-Road. Market-Bar. Eine Kneipe mit der Atmosphäre einer Filmkulisse. Lange braune Vorhänge, mit Kordeln bestückt, trennen Wirklichkeit und Fiktion. Die Kerzenständer sind mit Wachs überströmt und sehen aus wie Ballettröcke aus Schwanensee. Vor dem Kamin sitzen Männer und Frauen aller Nationalitäten, vorwiegend Jamaikaner und Portugiesen. Bei dem glatzköpfigen Wirt bestelle ich einen "half pint" Bier für ein Pfund fünfzig, zirka fünf Mark. Mehr ist nicht drin an diesem Abend. Sieben Stunden und ein 0,25 Literglas Ale. "Haste nix, biste nix", sagt der Freund von Martin Schulz in dem Film "Berlin is in Germany", und genau so habe ich mich damals gefühlt, in London, der teuersten Stadt, die ich kenne.

Berlin, habe ich dagegen immer gedacht, ist eine Stadt zum Überleben. Hier braucht man nicht viel Geld. Die Mieten sind im Vergleich zu London niedrig, ebenso die Preise in den Kneipen und Restaurants. Mal ganz zu schweigen von den Kosten, die man in der englischen Hauptstadt für eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aufbringen muss. Zudem verdient man in Berlin besser, selbst wenn man in einer Bar arbeitet. "In Berlin", habe ich in London also immer erzählt, "you can always survive."

Aber jetzt wird vielleicht bald alles anders. Der Euro kommt. "Der Euro ist ein Zeichen dafür, dass Europa zusammengehört" - so oder so ähnlich werben Hans Eichel und Götz George seit kurzem in einem Kinospot für die Einführung des neuen Geldes. Allerdings scheinen einige europäische Länder mit der Zusammengehörigkeit nichts am Hut zu haben und ziehen einfach nicht mit. So wird beispielsweise in der Portobello-Bar auch in Zukunft ein Viertelliter Bier 1 Pfund 50 kosten. Ich jedoch muss mich nicht nur an das neue Geld gewöhnen, sondern habe auch keine genaue Vorstellung davon, was das für mein finanzielles Leben in dieser Stadt bedeuten wird.

Deshalb, und auch weil das neue Jahr bald beginnt, habe ich mir für 2002 einen Kalender zum Thema Geld zugelegt. "Kopf oder Zahl", so der Titel des vom Kalenderkombinat herausgegebenen Wochenkalenders, ist aus Anlass der Euro-Einführung entstanden und der richtige Kalender für Menschen, die sich über Banknoten und Münzen Gedanken machen. Was bedeutet uns Geld? Wozu braucht man es? Ist etwa alles Ökonomie, auch die menschlichen Beziehungen? Der von dem Berliner Grafiker Ralph Knebel gestaltete Kalender, in dem Bilder des mehrfach ausgezeichneten Fotografen J. Jabs mit passenden Zitaten versehen sind, gibt uns vielleicht auf all diese Fragen eine Antwort. So weiß ich jetzt zum Beispiel, dass Madonna einmal gesagt hat: "Geld ist die einzige Macht, auf die Verlass ist." Und damit wird sie wahrscheinlich Recht haben. Ob Euro oder nicht.

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