Was machen wir heute? : Über Zivilcourage nachdenken

Mit unangenehmen Mitfahrern konfrontiert werden: Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Brigitte Grunert

Unsereiner ist nicht gerade ängstlich, das nicht. Doch was soll man machen, wenn die Situation brenzlig ist? Da wird einem schneller mulmig als gedacht. Zivilcourage ist doch ein großes Wort, schoss es der Rentnerin aus gegebenem Anlass durch den Kopf.

Ein Abend gegen halb sieben auf dem S-Bahnhof Nikolassee, hier geht es immer friedlich und gesittet zu. Diesmal aber hallt von ferne fürchterliches Zetermordio, dann taucht eine Gestalt auf dem Bahnsteig auf. Der Mann wirkt gepflegt, mittelgroß, mittleres Alter. Herausfordernd blickt er die Umstehenden an und schreit lauthals herum: „Ab ins Gas ... Ihr ooch alle ... Schwule in die Gaskammer ... Westerwelle, Wowereit ... weg mit dem Dreck ... Heil Hitler ...“

Ist er betrunken? Diesen Eindruck macht er nicht. Ist er geistesgestört? Wer weiß. Als wäre er einfach Luft, sagt keiner ein Wort. Alles macht sich vorsichtshalber aus der Nähe der Bahnsteigkante fort. Man kann nie wissen. Bahnpersonal gibt es natürlich schon lange nicht mehr. Eine Frau liest ostentativ Zeitung, zwei Herren unterhalten sich auf einmal angeregt, ein Teenager redet auf sein Handy ein, ein älteres Ehepaar verzieht sich in Richtung Ausgang.

Nun geht der Randalierer in drohender Haltung auf das telefonierende Mädchen zu. „Du ooch, ab ins ...“ Ihr Begleiter stellt sich schützend in den Weg. In aller Ruhe sieht er dem Mann fest in die Augen, wortlos macht er eine abwehrende Handbewegung. Der rempelt ihn trotzdem an. Um Himmelswillen, denkt die Rentnerin – da fährt zum Glück der Zug ein, das lenkt ihn ab.

Beim Einsteigen achtet sie auf Abstand, aber dann sitzt der Randalierer beinahe neben ihr. Schrecklich brüllt er auf die fünf, sechs Mitfahrer ein, wieder die ganze Suada. Alles schweigt. Auf so einen einreden? Bloß nicht! Als der Zug auf der Station Schlachtensee hält, bleibt er allein zurück, alle anderen flüchten sich in den nächsten Wagen, die Rentnerin hinterher. Schändlich, denkt sie, gruselig, traurig, man hätte wohl die Polizei rufen sollen. Sie schwor sich, nie wieder ihr Handy zu vergessen.

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