Was machen wir heute? : Übertreten

Wie ein Vater die Stadt erleben kann: Stephan Wiehler über seine Tochter Emma und den Religionsunterricht

Stephan Wiehler

Was die Religion angeht, ist unsere Tochter Emma eher unentschieden. Einerseits hofft sie fest darauf, dass ihre verstorbene Großmutter im Himmel gut aufgehoben ist. Andererseits keimen gewisse Zweifel am göttlichen Beistand in ihr auf, weil ihre abendlichen Gebete nicht immer das gewünschte Ergebnis herbeiführen: „Ich hatte wieder einen schlechten Traum, obwohl ich Gott gesagt habe, dass ich das nicht will.“

Doch ungeachtet solcher enttäuschenden Erfahrungen mit der himmlischen Schutzmacht will Emma in den Religionsunterricht wechseln – freiwillig, versteht sich. Als Erstklässlerin besucht sie den Lebenskunde-Unterricht des Humanistischen Verbandes. Wie sie da hineingeraten ist, wissen wir nicht. Angeblich haben wir zur Einschulung irgendwas unterschrieben, aber weder meine Frau noch ich können uns daran erinnern.

Bei uns zu Hause geht es nicht besonders frömmelnd zu. Was bewegt da ein sechsjähriges Kind in die Religionsstunde? „Ich will mehr wissen über Jesus“, behauptet Emma. Bei näherem Nachfragen stellt sich aber heraus, dass unsere Tochter weniger das theologische Interesse treibt, sondern der Wunsch, sich der Mehrheit anzuschließen. Im Lebenskunde-Unterricht sitzt Emma nämlich nur mit einem einzigen Kind aus ihrer Klasse, alle anderen besuchen den Religionsunterricht. Ungewöhnlich für eine staatliche Schule, mögen Sie denken. Aber nicht für die Finow-Schule in Schöneberg, die vermutlich einzige staatliche und zugleich gewissermaßen konfessionsungebunde Schule Berlins. Die Finow-Schule ist deutsch-italienische Europaschule und wird von vielen Kindern aus zweisprachigen Familien mit italienischen Elternteilen besucht. Dreimal dürfen Sie raten, zu welchem Religionsunterricht Emma neigt.

So ganz sicher ist sie sich aber noch nicht, ob sie der Mehrheit folgt – und zwar aus sehr christlichen Motiven. „Nachher ist die Lebenskunde-Lehrerin ganz alleine“, fürchtet sie. „Das wäre doch gemein.“ Stephan Wiehler

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