Kultur : Was machen wir heute?: Ums Handy kämpfen

Dorothee Nolte

Man sagt ja, der technische Fortschritt führe zu einer Umkehrung im Verhältnis der Generationen: Die Jüngeren sind jetzt schlauer als die Älteren. Angeblich krabbeln bereits Fünfjährige hurtig durchs Netz, während unsereins noch dumpf aufs Desktop starrt, und sie wildern in Pentagon-Dateien, wo wir schon am Textverarbeitungsprogramm scheitern. Ich darf verkünden, dass mein Kind, zur Zeit anderthalb, in diesem evolutionären Prozess in der Avantgarde mitmarschiert. Bereits mit acht Monaten besaß das Kind zwei Handys und ging sehr professionell damit um. Da hatte ich Greisin noch allerhand kulturkritische Flausen im Kopf und behauptete allen Ernstes, der Mensch müsse nicht rund um die Uhr erreichbar sein. Als ob es beim Handy keinen Ausschaltknopf gäbe! So dumm war ich. Außerdem zitierte ich gerne aus zufällig belauschten, völlig überflüssigen Gesprächen, die die Beteiligten offenkundig nur führten, um den Managern der Telekommunikations-Industrie eine Freude zu machen. Das Kind scherte sich nicht um meine Spenglerschen Tiraden. Es drückte seine Handy-Tasten und lächelte verschlagen.

Nun habe ich eine einfache Regel, um in der technisierten Gesellschaft zu überleben. Sie lautet: Man steige genau dann in eine neue Technologie ein, wenn sie erstens billig, zweitens handlich und drittens idiotensicher geworden ist. Jeder Versuch, es früher zu tun, ist eine Verschwendung von Geld und Energie. Diesen Zeitpunkt habe ich beim Handy verpasst. In den letzten Monaten ist mir aber aufgefallen, wozu die Dinger wirklich nützlich sind: zur Organisation der modernen Kleinfamilie. Nicht nur beobachte ich ständig Mütter mit Mobiltelefon am Ohr; ich habe auch männliche Kollegen, die zugeben, sie benutzten ihr Handy für berufliche Zwecke kaum, wohl aber um den familiären Alltag zu bewältigen: Wer holt das Kind ab, was hat der Arzt gesagt, soll ich noch Milch mitbringen? Kurz, seit neuestem habe auch ich ein Handy, ein winziges, süßes Ding, das sich in die Hand schmiegt wie eine Bio-Banane und schüchtern piepst, wenn der Akku leer ist. Auch ich sage jetzt weltbewegende Sätze wie: "Stell Dir vor, ich bin gerade in der U-Bahn!" Das interessiert noch nicht mal den Kindsvater. Egal! Es ist das erste, was mir in den Kopf kommt, wenn ich mich von dem Schrecken erholt habe, dass in der U-Bahn das Handy klingelt.

Jedenfalls ist der häusliche Kampf um das neue Handy voll entbrannt. Jedes Mal, wenn ich das Gerät in Ruhe herzen und streicheln möchte, kommt das Kind und will es mir wegnehmen. Ich sehe ja ein, dass es davon mehr versteht als ich. Aber wie soll ich jemals lernen, eine Rufumleitung einzurichten? In meinem Alter braucht man für so etwas Zeit und Konzentration; man nähert sich technischen Geräten mit einer gewissen Ehrfurcht. Aus einer ähnlichen Scheu heraus habe ich beschlossen, meine Handy-Nummer niemandem zu verraten. Ein einziges Mal hat mich bisher ein fremder Mann angerufen, der sich verwählt hatte. Das war ein für mich sehr erregender, ein erotischer Moment. Er sagte, er sei in der U-Bahn.

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