Was machen wir heute? : Uns zu Hause fühlen

Brigitte Grunert

Berlin hat sich gehäutet, na und? Unsereiner findet das selbstverständlich. Doch wer nach langer Zeit wieder die Stadt besucht, findet sich kaum noch zurecht und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Neulich holte ich meine alte Freundin Sivajini vom Hauptbahnhof ab. Sie wusste gar nicht, wo sie war. Es dämmerte ihr erst, als ich sie kurz ins Bild setzte: früher Lehrter Bahnhof. Sie wunderte sich über das ganze Geglitzer und Gewusel, die hastenden Menschen im Auf und Ab der Rolltreppen und gläsernen Fahrstühle. „Du, bin ich baff, ist wie in London“, sagte sie. Nun ja, der Hauptbahnhof hat schon etwas Weltstädtisches.

Sivajini hatte viele Jahre in Berlin (West) gelebt, aber das ist lange her. Hier hat sie zuerst Deutsch gelernt, dann ihren Beruf erlernt und war elf Jahre OP-Schwester. Hier hat sie ihren Mann kennen gelernt, der wie sie aus Sri Lanka stammt, hier sind die beiden Kinder geboren, hier war sie glücklich. Später wurden sie kanadische Staatsbürger. Und dass aus einem kleinen Kreuzberger Schulmädchen mit „Migrationshintergrund“, wie man heute sagt, eine richtige Weltbürgerin werden kann, beweist die Tochter, Rechtsanwältin in Toronto. Wir gingen erst einmal am Hauptbahnhof auf die luftige Café-Terrasse, es war ein heißer Nachmittag. Nun kam der Kellner: „Kuchen wollnse? Da nehmse unser Anjebot, is billjer. Also zwei Tassen Kaffee, einmal Pflaume, einmal Käse!“ Es war ihm unverständlich, dass wir zwei große Kaffee bestellten. Er fand sich kopfschüttelnd damit ab.

Wir sprachen von alten Zeiten und bald auch von den neuen, denn sie hatte in einer hessischen Kleinstadt gehört, „dass leider alles Geld in den Osten fließt“. Prompt mischte sich ruppig ein Herr vom Nebentisch ein. „Sie informieren einseitig, schämen Sie sich!“, meinte er vorwurfsvoll zu mir, er wisse, wie die DDR war, er habe nämlich dort leben müssen. Schon gut, er hat uns falsch verstanden. Ach, Weltstadt hin, Weltstadt her, Berlin bleibt doch Berlin. Amüsiert meinte Sivajini, sie fühle sich beinahe wieder zu Hause. Brigitte Grunert

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