Was machen wir heute? : Unter der Regierungskastanie sitzen

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Der Mai hat (rein theoretisch) die Biergärten mitgebracht und mit ihnen die fröhlichen Runden in (hoffentlich bald wieder) lauer Frühlingsluft, das verliebte Turteln zwischen Kristallweizengläsern und Currywürsten, dazu kreischende Kinder, sanftmütige Hunde, schnatternde Mädchen, krümelgierige Spatzen und all das garniert mit dem lockeren Gefühl des „Kommste heut’ nich, kommste morgen“. Im Biergarten vergeht die Zeit langsamer als die Blume auf der Molle, aber nicht alle Gärten sind gleich.

Unsereins hat schon lange den Zollpackhof zwischen Hauptbahnhof und Kanzleramt entdeckt – ein Biergarten mit ziemlich vielen Vorteilen. Da sitzt du ziemlich nah an der Spree und zählst die mittlerweile Bug an Heck übers Wasser gleitenden Ausflugsschiffe. Gegenüber ist das Kanzleramt. Manchmal kommt ein Hubschrauber angeflogen. Dann fahren zwei Limousinen über die Spree, eine Frau im einfarbigen Blazer steigt aus und eilt in ihr Büro. Vorbei an Bauschutt und Baumaterial – das alles verrät uns, wie schludrig am Kanzleramt gebaut wurde, von anderen Bundestagsgebäuden ganz zu schweigen. Wer macht so einen Pfusch? Wurden diese Gebäude nicht mit deutscher Gründlichkeit nach bester Qualität abgenommen und für gut befunden? Sitzt in den unzähligen Referaten der Regierungs- und Bundestagsmaschinerie keiner, der etwas vom Bau versteht? Tschuldigung, det mir beim Bier sowat heftich ufft Jemüt schlägt, soll nich wieda vorkomm.

Dabei wollte ich eigentlich nur das beste Stück vom Zollpackhof preisen: die gewissermaßen zentrale Regierungs-Rosskastanie, ein Naturdenkmal. 20 Meter hoch. 130 Jahre alt, also, da hat schon Kanzler Bismarck druntergesessen. Die weiße Blütenkerzenpracht ist bald vorbei – wir wollen sie mit Christian Morgenstern preisen: Wohlgesang durchschwellte Bäume / Wunderblütenschneebereift / ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume / wie die Brust sie kaum begreift. Lothar Heinke

Zollpackhof, Elisabeth-Abegg-Str. 1, tägl. von 10 bis 22 Uhr.

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