Kultur : Was machen wir heute?: Unter Quarantäne stehen

Andreas Austilat

Hatten Sie schon mal die Windpocken? Sehen Sie, das ist das Problem, man erinnert sich einfach nicht. Mumps? Röteln? Masern? Keine Ahnung, lange her, irgendwas war da mit Flecken, vielleicht aber auch nicht. Dabei wäre es durchaus sinnvoll, über so etwas Buch zu führen. Wenn Sie zum Beispiel wüssten, dass Sie die Windpocken gehabt hätten, könnten Sie uns besuchen. Die kriegt man nur einmal.

Unsere Kinder haben die Windpocken. Weshalb diese Kolumne eigentlich ausfallen müsste. Wir erleben nämlich rein gar nichts mehr in dieser Stadt. Und zwar weder mit noch ohne Kinder. Wir stehen unter Quarantäne.

Ausgehen können wir nur noch getrennt. Unser sorgsam geknüpftes Babysitter-Netz ist vollkommen zusammengebrochen, seit niemand mehr wagt, unsere Wohnung zu betreten. Sogar beim Kinderarzt müssen wir abseits sitzen - im Seuchenzimmer. Kann man ja verstehen, wer will schon aussehen wie ein Streuselkuchen. Ob wir selbst denn die Windpocken hatten? "Nein", sagt meine Frau, "weiß nicht", sage ich. Was kann man da tun? Abstand halten, sagt der Kinderarzt. Ja, sollen wir denn den Kindern das Essen auf den Flur stellen, damit sie es sich dort selbst abholen? Also gucken wir jeden Morgen, ob wir schon eine Pustel haben.

Was aber machen die Kinder? Die sitzen da und lesen. Noch nie in seinem Leben hat der Große so viel gelesen, mindestens ein Buch am Tag, "Fünf Freunde", R. L. Stines Gruselschocker, Harry Potter, hat er alles durch. Und die Kleine, die kann ja noch gar nicht lesen, die ist noch schneller, die schafft zwei Bilderbücher und drei Hörkassetten in der gleichen Zeit. Und dann sitzen sie auf ihren Betten und schreien - mehr, gibt uns mehr, wir wollen lesen, wir wollen hören.

Wir würden verarmen, müssten wir das alles kaufen. Aber zum Glück ist uns ja ein Freund geblieben: Die gute alte Stadtbücherei. Die haben Bücher, die haben Kassetten, da könnten wir locker noch eine mehrmonatige Belagerung durchstehen.

Ja, ich gebe es freimütig zu, wir haben sie ein wenig unterschätzt, die Stadtbücherei. Wir wähnten sie auf dem absteigenden Ast, zum Einsparen freigegeben, haben uns gerieben am Ärmelschonercharme der muffigen Tresen, vor denen man in langen Schlangen steht und darauf wartet, dass klickediklickediklack für jedes einzelne Buch der Ausweis fotokopiert wird. Vorbei, die Stadtbücherei ist jetzt online, Sie müssen noch nicht einmal hin.

http://www.voebb.de heißt das Zauberwort, über das sich jeder einklicken kann, der einen neuen Ausweis hat. Und dann können Sie gucken, ob der gesuchte Titel vorhanden ist, können ihn sich sogar nach Hause schicken lassen, wenn Ihnen so viel Service ein paar Euro wert ist. Irgendwie beruhigend - denn haben wir erst mal selber leuchtendrote Pusteln im Gesicht, können wir uns die Bücher ja notfalls vor die Tür legen lassen.

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