Was machen wir heute? : Unter Sternen gebären

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Verena Friederike Hasel

Man könnte das Kind natürlich auch einfach so zur Welt bringen, ohne Aufhebens, denke ich mir, aber da ist es schon zu spät, Chefarzt, Hebamme und Anästhesistin heißen willkommen zum Informationsabend für werdende Eltern in der Klinik Westend. Die Sitzordnung im Hörsaal ist traditionell, Mann, Frau, Mann, Frau, und all diese Männer und Frauen halten sich an den Händen, wie sie es vielleicht vor Jahren bei ihrer ersten Kinoverabredung taten.

Manche Gesichter sind bekannt, „Wie geht es dir?“, ruft die Freundin einer Freundin zu, unterbricht sich dann: „Wie soll es dir schon gehen, gut natürlich, du bist ja schwanger!“ Eigentlich können das nur Amerikaner, „How are you?“ fragen, ohne eine Antwort zu erwarten, hier geht es auch, die Geburt ist ein Event, und wir machen alle mit. Nur eine Frau nicht, sie ist schon im siebten Monat, eine Mitarbeiterin wiegt den Kopf, das könne knapp werden mit der Anmeldung. In Westend erledigt man das früh, womöglich nach der ersten Kinoverabredung mit dem designierten Kindsvater.

Die Reden sind beendet, das Wort „Bonding“ ist sieben Mal gefallen, die Paare werden in Richtung ihres neuen Lebens geführt, vorbei an Wänden mit Geburtsanzeigen – hier einmal den Gang hinunterlaufen ist ergiebiger als jedes Vornamensbuch. Das Zimmer hat eine Gebärwanne, an der blauen Decke darüber hängen kleine Lampen. Hier wie im Meer unter Sternen das Kind gebären, stellen sich die Frauen vor, Variation einer Sexfantasie, die Männer schauen aus dem Fenster und prägen sich den Weg übers Klinikgelände ein.

Jedes Paar kann Musik mitbringen, sagt man uns noch, und so feilen wir auf der Fahrt nach Hause an unserer Playlist. Ein Auszug: „Fuck the pain away“ von Peaches (mein Wunsch) oder „Happy birthday“ von Stevie Wonder (seine Idee).

Das nächste Mal fahren wir den Weg hier schon zu dritt. Verena Friederike Hasel

Nächster Informationsabend für werdende Eltern in der Klinik Westend am 30. Juli, Spandauer Damm 130 in Berlin-Charlottenburg.

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