WAS MACHEN WIR HEUTE? : Untertitel lesen

Wie ein Ost-Berlinerdie Stadt erleben kann

David Ensikat

Mein kleiner Sportverein entschied sich, das Training einmal zu verkürzen, auf die Auswertung mit Energy-Drink danach zu verzichten, und statt dessen ein Stück Kultur zu erleben. In unmittelbarer Nähe zu unserer Sportstätte befindet sich ein Kino mit anspruchsvollem Programm. Dieser Tage läuft dort ein Dokumentarfilm mit Untertiteln, „9 to 5 – Days in Porn“. Darin geht es um das Sexfilmgewerbe in Amerika, Darstellerinnen und Produzenten sprechen über ihr Treiben und die Gründe. Wir wussten schon, was wir uns da ansehen wollten, wir sind schließlich nicht nur Sportler, dachten wir, sondern auch vorurteilsfreie Beobachter des Kulturbetriebes mitsamt all seiner zwielichtigen Winkel. Eine junge und sympathische Sportstudioangestellte erkundigte sich, wohin wir so früh aufbrachen. S., der höflichste unter uns Sportsfreunden, antwortete, wie es sich gehört: „Ins Kino.“ Darauf sie: „In was denn?“ Darauf S., sehr schnell: „Ice Age 3.“ Tatsächlich hatten wir es ein wenig eilig.

Der Film schockierte uns wie erwartet. Wir diskutierten hinterher die Frage, ob schuld an der Brutalisierung der Pornofilme die Kunden oder die Produzenten seien, und kamen zu keinem klaren Votum.

Mich faszinierte eine andere Aussage des Films. Da kommt eine deutsche Darstellerin zu Wort, die es zum Kummer ihrer Mutter bis an die Westküste geschafft hat. In breitem Sächsisch erklärt sie, dass ihr Wettbewerbsvorteil in der Pornobranche ihre Zuverlässigkeit sei, die ihr als Ostdeutsche auf den Weg gegeben worden sei. Wenn das Margot Honecker wüsste! Ihr Mann, das kam 1989 heraus, soll ja eine kleine Sexfilmsammlung besessen haben, was etliche Ostdeutsche, denen so etwas 40 Jahre lang vorenthalten worden war, so sehr erregte, dass sie sich vollends von den sozialistischen Idealen verabschiedeten, mit welchen weder Pornofilmherstellung noch -vertrieb zu vereinbaren waren.

9 to 5 – Days in Porn“, Kino Central am Hackeschen Markt, 21.15 und 23 Uhr.

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