Was machen wir heute? : Untreu werden

Verena Friederike Hasel

Die Trennung war längst beschlossen, da zündelten mit einem Mal die Zweifel. Hatte er ihr am Ende doch Unrecht getan? Wie immer war er zu Aldi einkaufen gegangen, in Moabit, doch diesmal war etwas anders – geschmeidig wie auf Kufen glitt sein Einkaufswagen durch den Laden, vor dem Weinregal keine Verhaltensauffälligkeiten, kurz: Die Stadt betrug sich gänzlich unrabaukig. Fast reuten ihn an der Kasse die Weinflaschen schon, gedacht für die Feier zum Abschied, er stellte sie nicht gleich aufs Band, und schon spuckte es ihm entgegen: „Ha’ick etwa eenen Giraffenhals? Raus mit denen!“ Und so war es eine Supermarktkassiererin, die vor fünf Jahren den Weggang meines Freundes Philipp aus Berlin besiegelte. An jenem Abend tranken wir den Wein, dann zog er zurück nach Hamburg.

Den ganzen Januar war ich jetzt in Hamburg und habe mehr Berlin-Geschichten gehört als in meinen Koffer passten. Neutral waren sie nie, mal war Berlin Hure, mal auch Heilige, so für zwei Videokünstler, die ich traf: Wie schwer die Arbeit in Hamburg sei, so jenseits der Hochkultur, anderswo hingegen, die Transmediale etwa, überhaupt Berlin! Vielleicht gingen sie da auch bald hin, sagten sie, und das hatte schon einen Tschechowschen Drei-Schwestern-Sehnsuchtsflor. Und tatsächlich hatte ich, als ich die Künstler sah, sofort gedacht: Die machen ja einen auf Berlin. Und Hamburg ist für mich sehr der Moment geblieben, als eines Abends, es war schon dunkel, an der Elbe ein Auto neben mir hielt und eine Stimme fragte: „So allein unterwegs?“ und keine Schwerstgestörten im Wagen saßen, sondern ein altes Ehepaar, das mich bis zu den Landungsbrücken fuhr. Es war an meinem letzten Abend in Hamburg, dass Philipp mir bei einem Bier in der Schanze die Geschichte vom nicht-existenten Giraffenhals erzählte, der seine letzten Zweifel am Umzug nach Hamburg beiseite gekeift hatte. Nun bin ich zurück in Berlin, meiner Stadt. Ganz treu geblieben bin ich ihr nicht.

Jeden Tag fahren 22 Züge von Berlin nach Hamburg.

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