Kultur : Was machen wir heute?: Unvernünftige Dinge tun

Britta Wauer

Einer weit verbreiteten Meinung nach soll Eis essen im Winter eine ziemlich ungesunde Sache sein. Das behaupten Mütter zumindest ihren Kindern gegenüber. Und Eisdielenbesitzer nutzen es als Argument für die Schließung ihrer beliebten Etablissements. Dabei sind die Horrorgeschichten von schädlichen Eiszapfen im Bauch nur ein böses Vorurteil, gegen das sogar die Coca-Cola-Company seit einiger Zeit mit einer großen Werbeoffensive kämpft. Eis bewirkt auch im Winter Wunder, wie ich erst neulich wieder feststellen durfte.

Meine grippe-kranke Freundin erwartete von mir einen aufbauenden Krankenbesuch. Sie hat sich ausgerechnet Eis gewünscht, keinen Grießbrei oder etwas Anständiges, wie in solchen Situationen üblich. Vollständigkeitshalber brachte ich noch mein Lieblingsmedikament mit: Mucosolvan gegen Husten. Als Saft gibt es ihn nur für Kinder, aber da er so gut schmeckt und sanft den Rachen hinunterrinnt, hab ich ihn lieber so, als in Tablettenform für Erwachsene. Ob es hilft, ist sowieso nur eine Frage von Einbildung.

Meine Freundin sah aus wie ein Schlumpf, verquollen und irgendwie niedlich. Wir saßen auf ihrem Bett, löffelten das Schokoeis und im Fernsehen kam die Europameisterschaft im Eiskunstlauf. Ein richtiger Mädchennachmittag. Am Ende war die Freundin bester Laune. Offensichtlich hatte ihr das Eis ganz gut getan. Nur ich merkte, wie es in meinem Hals zu kratzen begann.

In Zeiten von Rinderwahn ist ungesunde Ernährung sowieso relativ. Verantwortungslosigkeit muss sich also niemand vorwerfen lassen, der sich momentan mit einer Eisbombe erwischen

lässt. Im Gegenteil, Eis essen im Winter ist inzwischen gesellschaftlich akzeptiert. Eine der wohl besten und meist besuchten Adressen für exzellenten Eisgenuss befindet sich in den Arkaden am Potsdamer Platz. Im Obergeschoss gibt es keineswegs nur drei verschämte Alibi-Sorten im Kühlregal, sondern die ganze Palette von wünschenswerten Eigenproduktionen. Selbst bei sibirischen Temperaturen sieht man dort Menschen, die ihre Eiswaffel in Handschuhen gebettet hinaus ins Schneetreiben tragen, ihren Schal etwas lüften und genüsslich an der Joghurt-Waldbeer-Eiskugel schlecken. Von den voll besetzten Tischen im Innern ganz zu schweigen.

Aber da die kühle Atmosphäre der Einkaufsmeile nicht gerade für verschwiegene Ruhe sorgt, sei an dieser Stelle noch auf ein kleines gemütliches Kaffeehaus hingewiesen. Es heisst zwar "Sowohl als auch", der Name ist aber das einzig Unentschlossene, was man dem Café vorwerfen kann. Gerade wer seine Sünden nicht gern mit der Öffentlichkeit teilt, kann dort an versteckten Tische sitzen, deren genaue Lage gerade mal die Bedienung kennt. Mit erstaunlich gut gelungenen Klimt-Gemälden an den Wänden, einem nicht zu verachtenden Tortenangebot und ziemlich kessen Kellnerinnen ist das Café einer der besten Orte, um mal wieder richtig unvernünftige Dinge zu tun, Schlemmen und Lästern mit Freundin zum Beispiel.

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