Was machen wir heute? : Verliebt sein

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Nicola Kuhn

Es ist wie ein Liebesroman. Tag für Tag erzählt Jan ein weiteres Kapitel, immer wenn er aus der Schule kommt. Denn die Geschichte spielt in seiner Klasse. Mit jeder Pause, jeder Hortbetreuung findet eine Fortsetzung statt. „Heute haben sie sich geküsst“, erzählte er vergangene Woche als vorläufigen Höhepunkt der Romanze zwischen Thimo und Kalina. Und mit vor Aufregung bebender Stimme fügte er hinzu: „Wir waren hinter dem Pavillon alle dabei und haben einen Kreis um sie gebildet.“ Eine kleine Missbilligung konnte ich nicht verhehlen: Geht das denn schon wirklich bei Siebenjährigen los? Ist das bereits ein erstes präpubertäres Gebaren?

Ein skeptischer Blick in Richtung von Jans Zwillingsschwester Josefine wurde mit Empörung gekontert. Nein, bei ihr in der Parallelklasse gibt es so etwas nicht. Offensichtlich schien auch Jans Erzieherinnen das Verhalten der Zweitklässler reichlich fortgeschritten, so dass sie eine offizielle Heirat des Liebespaares anberaumt haben, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Geküsst werden durfte nur noch einmal mit pädagogischem Segen. Dazu gab es Hochzeitstänzchen, Blumenregen und Kaffeeklatsch. Die Mädchen trugen Röcke, die Jungen hatten ordentliche Hemden an, ein richtiges Fest.

Ob sich der Liebestaumel in Jans Klasse wirklich legt, bleibt abzuwarten, denn nach wie vor gehört zu den meist gestellten Fragen: Wer liebt wen? Dabei spielt es keine Rolle, zwei, drei Anwärterinnen bzw. Anwärter gleichzeitig zu haben, denn es gibt ein fein nuanciertes Bewertungssystem. Jan erklärt es immer wieder gerne: „Kleiner Finger hoch bedeutet verknallt. Dann kommt erst verliebt, wenn man immer nur mit dem anderen zusammen sein möchte.“ Auf die vorsichtige Nachfrage, wie es denn um ihn selbst bestellt sei, gibt das gute Kind die leutselige Antwort, dass er einzig und allein in seine Eltern verliebt sei und auch nur sie zu küssen gedenkt. Wenn’s dabei bleibt. Seine Verehrerin soll den Hochzeitsstrauß gefangen haben. Nicola Kuhn

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