Was machen wir heute? : Veteranen treffen

Plümper

Da steht er, der Soldat, groß und übermächtig, die Linke mit raumgreifender Herrschergebärde ausgestreckt, das Gewehr geschultert. Seine Größe wird durch eine Säule noch gesteigert. Rechts und links flankieren ihn zwei T24-Panzer. Hinter dem Denkmal, das bereits 1945 eingeweiht wurde, ist ein Friedhof, auf dem mehr als 2000 gefallene russische Soldaten liegen. Die beiden Häuser hinter dem Ehrenmal zeigen an den Außenwänden Fotos aus der Zeit um 1945.

Wie immer findet am 9. Mai die Feier zum Kriegsende vor dem Ehrenmal in der Straße des 17. Juni statt: Der Rentner kann russische Uniformen, die westlichen Alliierten, aber auch Uniformen der Bundeswehr erkennen. Neben dem Rentner steht ein Russe mittleren Alters in Uniform, 32 Orden auf der Brust. Neben ihm ein uralter Veteran, klein ist er geworden, trägt eine Art hoher Tüte aus weißem Filz auf dem Kopf, er trägt nur einen einzigen Orden. Er stützt sich auf einen Stock, eine Rose in der Hand. Plötzlich tritt er auf eine Frau zu – Passantin wie der Rentner – und drückt ihr die Rose in die Hand. Sie legt sie vor dem Denkmal nieder. Ein Russe bittet den Rentner von ihm ein Foto zu machen. Der Rentner erzählt dem Russen, sein Vater sei in Stalingrad gefallen. Ein langer Blick des Mannes in die Augen des Rentners und dann die Bemerkung: So ist das Leben.

Viktor Nekrassow hat in dem Roman „Stalingrad“ seinen Kampf gegen den deutschen Faschismus beschrieben, zwei Mal wurde er schwer verwundet. Solche Soldaten, wie den im Tiergarten, den ruhigen, sicheren mit Stahlhelm, habe es nie gegeben, es seien „Kämpfer“ gewesen, „die Feldmütze bis auf die Ohren“. Aber die gerechte Sache, für die sie gekämpft hätten, sei durch den Stalinismus und später die Gewalt in den Volksdemokratien und in Afghanistan ungerecht geworden. Das sei die Tragödie seiner Generation. Als Befreier gekommen, sind sie als Besatzer geblieben. Der Rentner hätte gerne auch eine Rose niedergelegt. Plümper

Sowjetisches Ehrenmal, Straße des 17. Juni. Viktor Nekrassow: Stalingrad, Berlin 2009

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