Kultur : Was machen wir heute?: Video schauen

Markus Huber

Wahrscheinlich liegt alles daran, dass wir Österreicher uns euch Deutschen unterlegen fühlen. Ich sage das nicht gerne, und hätte diese Kolumne in Wien mehr als einen Leser, ich würde den Teufel tun und diesen Satz aufschreiben. Es gehört zum österreichischen Nationalstolz, das niemals zuzugeben. Aber es ist so. Ihr seid zehnmal so viele, und wenn ihr bei uns euren Urlaub verbringt, dann tut ihr so, als würdet ihr auch zehnmal so viel verdienen, mindestens. Ihr habt bessere Fußballer, bessere Fernsehsender, habt eure Vergangenheit besser verarbeitet, eure Regierung hat größere internationale Anerkennung, und dass die Amerikaner eure Armee in Afghanistan trotzdem nicht brauchen kann, tut dabei nichts zur Sache. Wir würden das niemals zugeben, aber wir wissen es. Und genau deshalb schauen wir im Stillen zu euch auf.

Aufschauen funktioniert auf Österreichisch so: Wir beschimpfen euch. Wir verspotten euch. Wenn wir auf Urlaub fahren, ist unsere erste Tat, im Hotel laut und deutlich zu brüllen, dass wir Österreicher sind und keine Deutschen, "nur, damit das gleich klar ist." Wir reißen schlimme Zoten über eure Sprache, eure Politiker und eure Fußballer. Vor allem, wenn sie wie im Fall Lothar Matthäus zu uns kommen. Wenn unsere Kicker bei euch spielen, werden sie dafür sofort zu Helden. Selbst Klubs wie Reutlingen sind deswegen in Österreich bekannt wie ein österreichischer Erstdivisionär, nur weil dort bis vor kurzem unser Stefan Lexa spielte. Wir lieben Werner Lorant, weil er Markus Weissenberger zu den 60ern holte, und wir hassen Herrn Schaaf, weil er bei Bremen unseren Andi ausgemustert hat.

Warum das alles wichtig ist? Weil vergangenen Samstag Fußball war. Tel Aviv, Israel gegen Österreich, Andi Herzog, 92. Minute. Ein wütender Freistoß, eine löchrige Mauer, ein schlafender Tormann, ein Held, der bei euch ausgemustert ist. Mehr brauchen wir nicht, um über euch zu spotten. Ich konnte das Match nicht sehen, weil in eurem Fernsehen natürlich nichts übertragen wurde. Aber mehrere Wiener Freunde hatten sich angeboten, mich per SMS auf dem Laufenden zu halten. Als Herzog traf, bimmelte permanent das Handy. Und alle wollten nur eins: Ich soll "den Deutschen sagen, dass Herzog der Größte ist und alle Deutschen Idioten sind, weil er hier nur noch auf der Ersatzbank sitzt."

Freudig erregt ging ich zu Günther, den mit Abstand bestbehüteten Barkeeper der Stadt. Weil sein "Windhorst" direkt neben der amerikanischen Botschaft liegt, muss man durch eine Polizeikontrolle, bevor man in die Bar reindarf. Als ich mit einem triumphierenden Lachen meinen österreichischen Pass vorzeigte, schmunzelten die Herrn in Grün. Sie sagten, sie hätten von Andi Herzog noch nie etwas gehört. Am nächsten Tag bestellte ich per Express-Boten in Wien eine Videokassette vom Israel-Spiel. Sie traf gestern ein. Den besten Freistoß aller Zeiten habe ich seitdem 20 Mal gesehen. Mindestens.

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