Was machen wir heute? : Von den Bergziegen lernen

Till Hein

Als Barack Obama neulich an der Siegessäule seine Rede hielt, brachen viele Berliner vor Rührung in Tränen aus. Ich hingegen erledigte im Büro Kleinkram. „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom!“, weiß ich. Daher sperre ich mich seit Jahrzehnten gegen den Massengeschmack. Den 1. August etwa, unseren Schweizer Nationalfeiertag, konnte ich zu meinen Basler Zeiten nie leiden. Am liebsten floh ich ins Ausland vor dieser Massenhysterie.

Im Berliner Exil hingegen ist das anders. Diesmal bin ich extra in die Schweizer Berge gereist, um die archaischen Höhenfeuer zu bestaunen. Wegen des Dauerregens aber wurde kein einziges Feuer angezündet. Dafür steppte in Berlin der Bär, wie ich im Schweizer Fernsehen sah. Beziehungsweise die Ziegenherde.

Was selbst Obama verwehrt blieb – der Auftritt am Brandenburger Tor –, wurde am 1. August 300 Geißlein aus dem Kanton Graubünden genehmigt. In Lastwagen waren sie aus den Alpen zur „Ziegenparade“ angereist. Es sind zweifelhafte Sympathieträger, diese Hörnertiere. Sie meckerten rum und hinterließen ihre Stoffwechselprodukte. Immerhin blieben sie friedlich. Und im Gegensatz zum Homo sapiens bei der Loveparade verzichteten sie auf Alkohol, alberne Kostüme, Ecstasy und stupides Technogewummse.

Aus der Schweiz mitgereist war auch eine Bundesrätin mit dem Namen Eveline Widmer-Schlumpf. „Geißen gehen zielstrebig ihren Weg“, lautete ihre Botschaft an die Berliner, „auch über Schwindel erregende Abgründe.“ Man solle sich ruhig ein Beispiel an diesen Tieren nehmen. Ich habe mich entschlossen, ihre Anregung aufzunehmen: Künftig werde ich nicht mehr den Fischen nacheifern, sondern den Bergziegen. Zielstrebig begab ich mich zurück nach Berlin. Und falls demnächst zum Beispiel Elvis gemeinsam mit 300 000 Pinguinen vor dem Brandenburger Tor singen sollte, werde ich in der ersten Reihe stehen. Großes Ziegenehrenwort. Till Hein

Noch mehr Wissenswertes über Ziegen: www.ziegen-treff.de

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