Was machen wir heute? : Vor Fotos warnen

Jochen Schmidt

Für die Oderberger Straße stehen in diesem Jahr Veränderungen an. Niemand, der diese Straße liebt, dürfte verstehen, warum man sie umbauen muss. Wahrscheinlich soll die Bauwirtschaft durch Aufträge subventioniert werden, und jemand hat gute Beziehungen zu den Ämtern. Es gibt ja wesentlich marodere Bürgersteige in Berlin. Gerade haben die Wirte des beliebten „Schusterjungen“ in der Danziger ihr Restaurant an die Betreiber des „Mauersegler“ übergeben, und damit wird eines der letzten normalen Restaurants aus Prenzlauer Berg verschwinden. Demnächst sind wahrscheinlich Lokale dran, die erst nach der Wende entstanden sind, aber selbst schon historisch sind, wie das Café „Entweder oder“. Dort hängen zurzeit Fotografien von Bernd Heyden, dessen posthumer Bildband aus dem Lehmstedt-Verlag 2009 euphorisch aufgenommen wurde.

Heyden, Jahrgang 1940, hat nur acht Jahre die Schule besucht, Damenschneider gelernt und beim „VEB Treffmodelle“ in der Geifswalder Straße als Bügler gearbeitet. Außerdem war er Amateur-Radsportler. Nach einer Zeit als Chauffeur kam er als Autodidakt zur Fotografie. Welcher Künstler hat heute noch solch eine Biografie?

Vor seinen Prenzlauer-Berg- Bildern, die er als Bewohner des Bezirks vor allem in den Siebzigern gemacht hat, muss eigentlich gewarnt werden, denn sie sind von einer Schönheit, die die Gegenwart verblassen lässt. Jenseits politischer Urteile über die muffige und ja auch oftmals elende DDR sieht man hier die Menschen ein Leben führen, das unseren sehnsuchtsvollen Blicken entfernter erscheint als das 19. Jahrhundert. Als die Kinder noch im Hinterhof gespielt haben, neben den Mülltonnen und ohne Fahrradhelm. Mit einer fröhlichen Renitenz im Blick und Zigarettenstummeln im Mund. Von Idylle keine Rede, Bernd Heyden hat sich mit 44 Jahren zu Tode getrunken, lange bevor er berühmt werden konnte. Jochen Schmidt

Bernd Heyden, im Galerie-Café „Entweder oder“, Oderberger Straße 15, täglich 10 bis 24 Uhr.

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