Was machen wir heute? : Vorsätze ersetzen

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

Zu den Bräuchen für diese Tage gehört das Fassen von guten Vorsätzen fürs nächste Jahr, man will ja vorwärtskommen im Leben. Auch ich. Also suche ich derzeit nach Dingen, die besser werden müssen. Und zwar gleich heute, nicht erst morgen, die Zeit bis Mitternacht, bis zur Umsetzung also, wäre zu knapp. Und da ist er doch schon: der erste Vorsatz. Ich werde mehr Zeit einplanen für alles, was ich zu tun gedenke. Denn wie sagte einst jemand so schlau: Müde macht uns die Arbeit, die wir liegen lassen, nicht die, die wir tun. Aber wer sagte das noch gleich? Na, zack, da ist doch schon der nächste Vorsatz: offene Fragen zeitnah klären. Da schau ich doch mal im Internet, aber nein, der Computer ist ja so langsam, also werde ich mir drittens nächstes Jahr einen neuen kaufen.

Und so könnte es jetzt weitergehen, und in Nullkommanix hätte ich einen langen Zettel mit lauter Punkten, die sich ändern müssen. Aber das würde auch bedeuten, dass das neue Jahr ein einziger Stress wird, belastet durch Vorsatzhypotheken und eingesperrt in ein strammes Korsett aus Ansprüchen.

Meine Vorsätze fürs neue Jahr aber müssen so sein, dass ich sie einlösen kann, ohne dass mir das zu viel schlechte Laune macht. Vorsätze in der Art von: Tritt nicht mehr gegen das Fahrrad, wenn das Schloss eingefroren ist, denn davon geht das auch nicht auf, drängle kein wackeliges Großmütterchen mehr von der Supermarktkasse weg, denn es könnte deins sein, kaufe keine elektrischen Antennen mehr bei Auto-Teile Unger, denn du wirst dich darüber ärgern. Oder: Beachte gesunde Ernährungsregeln. Jeden fünften Tag ein Gemüse. Oder hieß es: Jeden Tag fünfmal Gemüse? Ich fange jedenfalls langsam an und esse ab jetzt jeden zweiten Tag einen Salat vom Ökoladen um die Ecke. Und der erste zweite Tag ist dann ja wohl: morgen. Und den schlauen Spruch sprach Marie von Ebner-Eschenbach. Die sagte auch: „Ein Merkmal großer Menschen ist, dass sie an andere weit geringere Anforderungen stellen als an sich selbst.“ Wieso betrübt mich das jetzt? Ariane Bemmer

Ökosalate u. a. bei: Ölweide, Pohlstraße 61

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