Was machen wir heute? : Warnungen in den Wind schlagen

Kirsten Wenzel

Kurz nach Ostern schickten unsere Berliner Freunde Fotogrüße in die ostdeutsche Provinz. Mit dabei waren Schnappschüsse vom Grill- und Partymüll aus dem Tiergarten, Untertitel: „Schöne Berge hier!“ Der Rat der Altberliner: „Zieht nicht um, bleibt wo ihr seid, wo es blüht, krabbelt und der Wind sanft über die Felder streicht. Auch sonst bietet die Stadt im Sommer wenig Anlass zur Freude. Wir Armen traben wie eine Strafkolonie mit dem Rest der Stadt um den Schlachtensee. Andere stellen sich in Reihen an, um am Landwehrkanal ein paar Schritte an der frischen Luft zu machen.“

Besorgt tagte der Familienrat: Moloch, Asphaltwüste, jedes nicht umzäunte Grün belagert, beräuchert, besetzt – ist Berlin der Natur wirklich so fern? „Da gibt’s sogar Bären!“, empörte sich der Sohn, meinte damit allerdings den Mann im Plüschkostüm, der sich vor dem Brandenburger Tor als Fotomotiv anbietet.

Dennoch hat er recht. Berlin und Natur, da geht doch viel mehr! Diese Liebe zwischen Mensch und Hund, diese Kleingartenkultur, diese Leidenschaft für das Grillen! Und wie man um den Knut getrauert hat! Auch dass der amtierende Regierende Bürgermeister nach Aussage von Namensforschern auf litauisch ungefähr „junges Eichhörnchens“ heißt, das kann doch kein Zufall sein. Und außerdem: So leidenschaftlich, manchmal auch verzweifelt, wie in der großen Stadt wird die Natur nirgendwo sonst geliebt.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Im Vorgarten unserer zukünftigen Wohnung führt eine Nachbarin täglich ihre Kaninchen mit Halsband und Leine spazieren. Ein neuer Trend, vielleicht machen wir da mit. Oder, noch besser, gleich zu den Piratengärtnern. Die pflanzen, säen und pflegen überall etwas Blühendes, wo die Stadt zu grau ist. Alpenveilchen im Asphalt, die ganze Stadt dein Garten. Toll, so was gibt’s nicht in der Provinz! Kirsten Wenzel

Sie wollen auch, dass Berlin noch grüner wird? Beispiele und Tipps zum wilden Losgärtnern gibt es unter: www.gruenewelle.org

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