Was machen wir heute? : Weißrussen singen hören

Wie ein Neuberlinerdie Stadt erleben kann

Till Hein

Da musst Du jetzt durch!“, dachte ich, und nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche. Ein Freund hatte das Event organisiert. Den Auftritt einer „Kultband aus Weißrussland“. Der Saal war menschenleer, und auch von den Musikern keine Spur.

Ich war schon einmal bei einer Veranstaltung, die dieser Freund organisiert hatte. Ein junger Dichter aus Minsk las aus seinem Werk. Stundenlang. Auf Weißrussisch. Zwischendurch wurden Schlüsselbegriffe übersetzt. „Demonstration“ etwa, oder „Minsk“.

„Wird sicher wieder spät heute“, dachte ich seufzend, „und laut“. Wahrscheinlich Garagen-Punkrock, wie ich ihn einst mit meiner Basler Studenten-Band „Ödipus and the Motherfuckers“ gespielt habe. Aber mit wertvolleren, politischen Texten. Über Demonstrationen und Minsk.

Was „Troitsa“, der Name der Band, wohl bedeuten mag? Spät nachts, als ich schon fast eingeschlafen war, kamen die Fans dann doch noch. „Das ist Berlin!“, sagten sie fröhlich. Und „Troitsa“ bedeute übrigens „Dreifaltigkeit“.

Schließlich betraten die Musiker die Bühne. In der Mitte Ivan Kirtschuk, ein korpulenter, silberhaariger Mann, der 18 verschiedene Instrumente beherrschen soll. Als er die Stimme erhob, wäre das „Haus der Sinne“ beinahe eingestürzt unter dieser Wucht. Kirtschuks Gesang klingt – wunderschön! Der Musikstil von „Troitsa“ ist schwer zu beschreiben, irgendwo zwischen Folk, Blues und Schamanengesängen. Jedenfalls: magisch.

Mehrere Lieder handeln vom Heiraten. Und ein besonders schöner trägt den Titel „Der Apfelbaum“. Großmütter singen ihn in Weißrussland ihren Enkelkindern vor, erzählte Kirtschuk. Das Lied solle uns auf den Heimweg Kraft mitgeben, sagte er zum Abschied. Seither fühle ich mich in der Tat etwas breitschultriger. Manche Weißrussen können offensichtlich zaubern. Till Hein

Weitere Weißrussland-Events kennt die Deutsch-Belarussische Gesellschaft: www.osteuropa-netzwerk.de/netzwerk/dbg.htm; mehr über Troitsa: www.troitsa.net

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