Was machen wir heute? : Welten auftun

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann - in die Parkbücherei gehen.

Lothar Heinke

Manchmal kommt man durch Zufall dahinter, dass Minister a) eine lyrische Ader und b) die Zeit dazu haben, sie zum Sprudeln zu bringen. Letztens, beim Tag der offenen Tür in den Ministerien, schlenderten wir ins Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das steht in der Hannoverschen Straße, im 5. Stock unterm Dach hat einst Hans Scharoun mit anderen bekannten Architekten das Nachkriegs-Berlin aus dem Schutt geplant und gebaut. Später war hier die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, gegenüber wohnten Wolf Biermann und die Observateure der Stasi. In diesen Tagen vor 20 Jahren war der Bonner Vorposten im anderen Deutschland von Ausreisewilligen besetzt, die raus wollten und auch raus kamen. Alles Geschichte.

Die Gegenwart: Eine dichtende Ministerin für Volksbildung, die auf dem Flur vor ihrem Büro ihre Ode auf eine sehr, sehr wichtige menschliche Tätigkeit aufgehängt hat: Das Lesen. Jenseits von Zwecken / diesseits von Sprachlosigkeit / durch eigenen Willen / neu im Blick / Texte entlassen Gedanken / Gedanken werden zu Geschichten / Verstehen gelingt / Welten tun sich auf. Annette Schavan in Hochform, ein sanftes Wort wider den Zeitgeist, keine Spur von Telegrammstil-Gedanken, man muss sie nur finden – am Kiosk, in jeder Buchhandlung.

Oder da, wo ein anderer, einst für Sprache und Kultur zuständiger Minister namens Johannes R. Becher, stolz unter Baumkronen über eine Wiese spaziert, in Bronze. Wir sind in Pankow. Im Bürgerpark. Auf der großen Liegewiese. Über uns donnern die Flugzeuge im Landeanflug auf Tegel zu, die Fontänen am Eingang sprühen, Geschirr wird zum Picknick ausgebreitet, die Hähne der Voliere krähen um die Wette, und im Café Rosenstein duftet es nach Soljanka („wenn du ein gutes Weib hast und eine gute Soljanka, kannst du mit deinem Leben zufrieden sein“). Das Schönste aber ist, dass die Parkbücherei wieder geöffnet ist und Lesestoff verleiht. Ehrenamtlich wird sie betrieben, leider nur am Wochenende. Entspannen. Natur genießen, Welten auftun.

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