Was machen wir heute? : Wenden

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Ostalgie war mir immer fremd, aber ich muss zugeben, dass sich manchmal in mir eine Sehnsucht auftut nach der Zeit, in der wir auf den Trümmern des ablaufenden Tages tanzten, ohne zu ahnen, was morgen ist. Manchmal denke ich mit einem inneren Leuchten zurück an die Zeit nach dem Umbruch in Berlin, ich hab wohl so was wie eine Wendelgie.

Reste der Wende sind in Berlin genauso wenig zu finden wie Reste der Mauer. Ein paar verrauchte Kneipen in Prenzlauer Berg haben noch Holztische, die von allabendlichen Phantasien zerkratzt sind, die Wirte haben ihre ledernen Schirmmützen aufbehalten. Aber wer die Wende noch einmal erleben will, muss weit weg von hier.

Zuletzt war ich noch einmal zurück in dieser sich selbst überholenden Zeit: im Kosovo. In der Hauptstadt Priština ist jeder Bordstein abgebrochen, jedes Café wirkt improvisiert und in den offiziellen Gebäuden riecht der Linoleumboden noch nach Sozialismus. Aber in den Häusern mit den alten Kachelöfen glänzen neugierige Augen, die vom Morgen träumen. Die Menschen sehnen sich nach der Einheit (dummerweise mit Albanien, weshalb sie keine Mauer, sondern ein ganzes Gebirge zu überwinden haben), nach dem Westen. Merkt man die Unterschiede zwischen Alt und Neu bei euch überhaupt noch?, fragte mich eine junge Frau. Ich musste eine Weile überlegen.

Da fiel mir die Geschichte eines Kumpels ein, der jüngst mit Freunden in Kanada Urlaub gemacht hatte, sie waren vier ehemalige Wessis und zwei ehemalige Ossis. In einer heißen Quelle wollten sie baden gehen, die beiden Ostdeutschen – darunter eine sehr schöne Frau – zogen sich flugs aus und sprangen in den blubbernden Tümpel, die westdeutschen Jungs und Mädels drucksten rum und schlüpften verschämt in ihre Badesachen. Es war der einzige Unterschied, der mir auf die Schnelle einfiel. Diesen kleinen Unterschied, fürchte ich, wird keine Wende besiegen. Robert Ide

Eine verrauchte Kneipe mit Wendeflair ist die „Eselsbrücke“ auf der Rückseite der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg.

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