Was machen wir heute? : Westpreußisch hören

Brigitte Grunert

Neulich haben wir ein Fest gefeiert, großes Familientreffen mit Freunden. Es war richtig multikulti, aber das fiel nicht weiter auf, so selbstverständlich ist das heute. Yildiz und ihre Eltern brachten ihren Austauschschüler aus Frankreich mit, Sebastian, Fabian und deren Eltern kamen mit ihrem Gastschüler aus Japan. Yildiz’ Großvater ist Türke, Sebastians und Fabians beide Großeltern sind Polen. Benjamins Vaterstadt ist Stockholm, dort ist er geboren und aufgewachsen, seit ein paar Jahren lebt er in seiner „Mutterstadt“ Berlin. Die jungen Leute waren vergnügt miteinander. Sie haben keine Probleme mit ihren Zweit- und Drittsprachen, Berührungsängste kennen sie sowieso nicht. David und Fabian fahren in den großen Ferien zum Englischkurs nach Malta. Ach, unsereiner hat als Kind in der Schule auf die große Weltkarte gestarrt und gedacht: England, Italien, Frankreich, Japan gar oder Amerika, nie im Leben kommst du dorthin. Keiner konnte sich das damals vorstellen auf dem Lande bei Berlin.

Doch ein anderer Gast faszinierte die Rentnerin, und zwar wegen seines seltsamen Dialekts. Sie tippte auf Ostpreußisch, aber nein, unmöglich, überlegte sie, dazu ist er zu jung. Er sei in Paraguay geboren und habe dort bis zum Abitur gelebt, sagte er, Bundesbürger seit 1972. Wie bitte? Er hörte sich doch nicht nach Südamerika an. Da erzählte er die lange spannende Geschichte seiner westpreußischen Ahnen, die vor ungefähr 250 Jahren in die Ukraine auswanderten und diese erst im Zweiten Weltkrieg verließen. Nach den Kriegswirren verschlug es die Eltern von Herrn W. auf ein Schiff nach Südamerika.

Er spricht also die Sprache, die seine Vorfahren einst mitgenommen und über Generationen gepflegt haben, ein etwas abgeschliffenes Westpreußisch. Westpreußen, das gibt es ja seit 1919 nicht mehr. Die Rentnerin hätte ihm stundenlang zuhören können. Nun ja, Ältere schleppen Jahrhunderte hinter sich her, vor allem das schreckliche 20. Jahrhundert. Geschichte ist das für unsere jungen Leute, allenfalls. Na und? Dafür kennen sie schon die halbe Welt. Brigitte Grunert

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