Was machen wir heute? : Wilde Romantik entdecken

Brigitte Grunert

Gelbe Blätter segeln zur Erde, als würde es ihnen gefallen, leise in der milden Septembersonne abzusterben. Die Havel riecht nach Herbst, ein dünner grüner Film liegt auf dem Wasser der Lieper Bucht. Doch das stört die letzten Badenden und Sonnenanbeter nicht. Schwäne und Enten leisten ihnen Gesellschaft. Für einige Wochen hat die Rentnerin täglich in Westend zu tun. Auf ihren Fahrten dorthin nutzt sie die wildromantische Havelchaussee, eine Gelegenheit, diese zerklüftete Grunewald-Idylle wiederzuentdecken. Zu Mauerzeiten war sie ja vor lauter Autos und zugeparktem Waldrand nicht mehr zu genießen. Trotzdem meckerten die Berliner (West) fürchterlich, als 1989 der rot-grüne Senat den Verkehr dort einzudämmen suchte, indem er die Durchfahrt von Wannsee bis Spandau und das wilde Parken unterband. Unverhofft löste sich mit dem Mauerfall auch dieses Problem, denn seither können die Ausflügler weite Kreise ziehen. Geblieben sind Tempo 30, die Parkverbote und, dem Wild zuliebe, die nächtliche Sperrung für Autos.

Niemand regt sich darüber auf, aber es hält sich auch so gut wie keiner an das Tempolimit. Überholmanöver sind gang und gäbe, es sei denn, die Radler und der Bus 218, der dort langzuckelt (Pfaueninsel–Theodor-Heuss-Platz), sind im Wege. Dabei ist es ratsam, langsam zu fahren, nicht nur wegen der Schönheit der Natur. Auf ihren Rückfahrten in der Dämmerung begegnen der Rentnerin öfter Füchse und Wildschweine. Neulich waren es in kurzen Abständen zwei wilde Eber im tollsten Schweinsgalopp, an einem anderen Abend wechselte bedächtig eine Bache mit Frischlingen die Seiten. Die etwa elf Kilometer lange Havelchaussee, die 1876 bis 1885 angelegt wurde und ihren Namen erst seit 1925 hat, schlängelt sich durch eines der schönsten Ausflugsgebiete Berlins. Zu gern würde die Rentnerin wieder einmal den reizvollen Blick von oben bis Potsdam genießen. Doch der Grunewaldturm ist seit Oktober 2007 wegen Baufälligkeit der Treppen gesperrt, schade. So bleiben die Besucher weg. Mag sein, dass die Natur etwas davon hat. Brigitte Grunert

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