Was machen wir heute? : Zahnlücke zeigen

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger D

Ich gehöre zu einer aussterbenden Art: Menschen mit Zahnlücken. Früher hatten alle eine. Heute versprechen Zahnärzte in Zeitungsanzeigen „das perfekte Lächeln“. Das Nicht-Perfekte wird elimiert, die Lücke zusammengeschoben.

Schön blöd, kann ich nur sagen. Puppen, Roboter und Maschinen sind perfekt. Menschlich ist der Makel. Warum heißt denn der Schönheitsfleck Schönheitsfleck?! Nicht, weil er die Schönheit befleckt, sondern weil er sie noch schöner strahlen lässt. Marilyn Monroe hatte einen, Madonna und Brigitte Bardot schmücken sich damit. Weniger Privilegierte malen oder kleben sich einen ins Gesicht. Wikipedia definiert den Schönheitsfleck als Muttermal, „das durch seine Größe, Platzierung und Form und überhaupt durch sein Vorhandensein einer meist weiblichen Person ein besonders charakteristisches und attraktives Aussehen verleiht“.

Als „charmant“ wurde die Zahnlücke eines Schauspielers neulich in einem Artikel beschrieben. Wenn alle perfekt, glattgebügelt und lückenlos sind, werden die Mangelhaften nämlich zur kostbaren Rarität. Deswegen sucht Roland Emmerich jetzt für seinen neuen Film „Anonymus“, der zu Shakespeares Zeiten spielt, massenweise Menschen mit vermeintlichem Makel: mit Zahnlücken und roten Haaren, mit großen Ohren und spitzen Gesichtern. In Hollywood findet der Regisseur so was bestimmt nicht. Wer also normal, markant oder besonders englisch aussieht, wie es die Castingagentur beschreibt, hat gute Chancen, für die Dreharbeiten in Berlin als Statist angeheuert zu werden.

Was für dramatische Folgen die Eliminierung des Ungewollten im schlimmsten Falle haben kann, zeigt sich in China. Dort wurden Mädchen massenweise abgetrieben, weil sie als schwaches, den Jungen weit unterlegenes Geschlecht gelten. Bald herrscht dort ein dramatischer Männerüberschuss. Frauen sind heiß begehrt. Susanne Kippenberger

Wer seine Macken auf der großen Leinwand zeigen will, kann sich für „Anonymus“ noch bis Donnerstag bei der Agentur Filmgesichter bewerben, www.agentur-filmgesichter.de

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