Kultur : Was machen wir heute?: Zeit gewinnen

Norbert Thomma

Die Menschen interessieren sich mehr für Sex als für Bildung. Die "Bild"-Zeitung hat das in ausführlichen Studien herausgefunden; sie bildet deshalb Tag für Tag eine nackträkelnde Dame auf der Seite 1 ab, anstatt die Leser mit einem Aufsatz über (beispielsweise) Moses Mendelssohn und die europäische Aufklärung zu locken. Zum Glück gibt es Institutionen, die dieser menschlichen Schwäche entgegensteuern. So hält sich die Bundesregierung (obwohl Politikern immer Populismus vorgeworfen wird) keine Sex-, sondern eine Bildungsministerin. Es gibt dann auch noch die Urania.

Man kann dieser Bildungsstätte als U-Bahnfahrer nicht entgehen. Die ausgehängten Programme verkürzen mir seit Jahrzehnten das Warten auf die gelben Wagen. Darf ich mal kurz meine Top-12-Liste der jüngeren Urania-Veranstaltungen ausbreiten?

1) Mumifizierte Moorleichen aus germanischer Zeit - gemordet, geopfert, gerichtet?

2) Nein danke, ich denke selber! Philosophieren aus weiblicher Sicht.

3) Muss Ihr Hund zum Psychiater?

4) Besser leben mit weniger Geld: Wie geht das?

5) Archaölogische Welt-Sensation bei Helmstedt gefunden: Die Jagdspeere der frühen Menschen vor 400 000 Jahren.

6) Wem, wie und wann Zahnimplantate helfen können.

7) Wie schaffe ich mir einen Sinn im Leben?

8) Die chinesische Mentalität und Esskultur: Hunde im Topf und Schlangen auf dem Grill.

9) Sechs Schritte zur passenden Partnerwahl.

10) Spannende Experimente zur Chemie im Alltag: Szenen aus der Geschichte des Zündholzes.

11) Tod durch Vorstellungskraft? Die geheimnisvolle Macht der Gedanken.

12) 60 Vokabeln pro Stunde! Fremdsprachen lernen mit "interaktiver Suggestopädie".

Neulich war ich selbst bei einem Vortrag. Das Urania-Gebäude aus den 60er Jahren ist übrigens inzwischen verspiegelt. Die Fassade ruft: Hallo Leute, wir sind ganz schön modern hier. Stimmt. Der Vortrag hieß: "Time-Management für mehr Erfolg und Lebensqualität." Erstaunlich, an einem Werktag um 17.30 Uhr waren mehr als 100 Leute im Kleist-Saal (holzgetäfelt; Sitze, Fußboden und Vorhänge in tantenbraun). Vom Referat ist mir folgendes in Erinnerung geblieben: Über Zeitprobleme zu klagen ist ein Statussymbol; schon der schlaue Augustinus konnte nicht erklären, was Zeit ist; jeder Mensch verplempert drei Monate seines Lebens durch Schlüsselsuchen; es gilt die Formel "Planung verdoppeln verkürzt die Durchführung = Zeitgewinn".

Der praktische Ratschlag also lautet: Kaufen Sie sich ein Schlüsselbrett. Und damit Sie Zeit dafür finden, machen wir diesmal ein paar Zeilen früher Schluss.

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